Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen

Die Akten häuften sich bereits zu Bergen . Die beiden Gestapo­beamten aus Berlin hatten ihre Versuche längst aufgegeben und waren nicht wieder gekommen. Nur die österreichischen Beamten Lex und Krasser versuchten noch, mich auszupumpen. Eines Tages fragten sie mich, was ich zu tun gedächte, wenn das tausendjährige Reich fortbestehen würde und ich das Glück haben sollte, meinen Kopf zu behalten. Wie ich mir mein Leben weiter vorstellte.

Damals gab ich ihnen kurz zur Antwort, daß ich ,, die paar tausend Jahre", die der Nationalsozialismus bestehen werde, leicht überleben würde. Sie ließen mich auch vom damaligen Gerichtsarzt, Medizinalrat Dr. Lorenzoni, psychiatrieren. Meine absolut geg­nerische Einstellung deutete ja in ihren Augen auf Abnormalität. Dr. Lorenzoni schmunzelte und fragte mich, was er über die Unter­suchung schreiben solle. Ich erklärte ihm, er könne schreiben, was er wolle und möge sich die Psychiatrierung der Gestapo für einen späteren Zeitpunkt aufheben, wenn sie durch Zeit und Tatsachen aufgeklärt sein werde. Es waren die letzten Tage meiner Ver­nehmung in Graz .

Nach diesen fünf langen Monaten wurde meiner lieben Mutter das erstemal eine kurze Unterredung mit mir erlaubt. Eines Tages kam sie mit meinem jüngsten Bruder, dem vierjährigen Wilhelm. Sie erkannte mich fast nicht mehr. Zu sagen hatten wir uns sehr Ihren Schmerz aber wenig, zu fragen gab es überhaupt nichts. fühlte ich in seiner ganzen unsagbaren Größe und ihr müdes, gramvolles Mutterauge verriet mir ihren unauslöschlichen, nie wieder gutzumachenden Kummer. Wenn wir uns auch nichts sagen konnten wir sprachen stumm und erzählten einander Bände. Ihre Augen durchwanderten meine Züge, ihr Wort verriet mir ihre Qual. Wie fühlte ich, daß sie mich unter ihrem Herzen getragen hatte. Mutter, meine Mutter!

-

Nach zehn Minuten ging sie. Mit Tränen in den Augen ver­schwand sie im Dunkel der Gänge dieses grauen, verdammten Hauses.

Einige Tage später, nachdem Butz, Gaster, Noeth und ich zu gleicher Zeit vor den Gestapobeamten Krasser geführt worden waren und von ihm eine nationalsozialistische Predigt hatten ein­stecken müssen, wurde uns mitgeteilt, daß die Vernehmungen vor­läufig abgeschlossen seien. Er wünschte uns allen viel Glück für die Zukunft, dann wurden wir in unsere Zellen zurückgeschickt. Was weiter mit uns geschehen sollte, wußte keiner. Wir konnten auch nichts erfahren, aber ein leises Hoffen regte sich doch in uns.

Ich blickte noch einmal in meine Zelle 159 zurück und ließ die Tage des Grauens still an mir vorüberziehen, die Tage der Ver­zweiflung, die ewigen Stunden der Entwürdigung, des Trauerns und der Schmach. Vorüberstreichend zeigten sich mir jeder Tag, jede Stunde...

25