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Julius Berger und das Dritte Reich / Bruno Marcuse
Entstehung
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Professoren, Aerzte, Richter, Anwälte, Künstler, Industrielle und Ingenieure sind keine Seltenheit, und bald jeder zehnte Mann führt den Doktortitel. Übrigens hat man auch den in Sportkreisen in der ganzen Welt bekannten Rennstallbesitzer Arthur von Weinberg hierhergeschafft; auch er ist inzwischen zugrunde gegangen."( Später gehörten zu den Lagerinsassen bekannte ausländische Persönlichkeiten, wie der französische Minister Maier und ein holländischer General der Polizei­truppen.) Sie werden gut daran tun, jedes weibliche Wesen mit Gnädige Frau" anzureden, auch wenn sie den Fußboden scheuert oder den Abort säubert. Ich kenne eine Dame, die das tut und früher Regimentskommandeuse in einer öster­reichischen Garnisonsstadt war."

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Marx fuhr fort: Natürlich sind auch Juden aus allen anderen Berufen hier, Kaufleute, Viehhändler, Gutsbesitzer, Handwerker und Arbeiter, sogar einen jüdischen Henker haben wir hier. Letzterer ist einer der wenigen, die ihr früheres Amt beibehalten konnten."

Berger, den dies alles interessierte und im Augenblick ablenkte, wurde nachdenklich.

,, Da scheint es der Henker wirklich noch am besten ge­troffen zu haben."" Scheinbar ja", meinte der Rechtsanwalt, ,, er bekommt sogar für jede Hinrichtung eine besondere Ver­gütung und eine Flasche Schnaps ausgehändigt. Aber die Sache sieht etwas anders aus, wenn man weiß, daß er neulich erst zur Hinrichtung seines eigenen Neffen gezwungen wor­den ist."

Berger zuckte zusammen: Um Gotteswillen, wofür wurde der arme Kerl denn aufgehängt?"

,, Nun, er hatte einen Brief geschrieben, der nicht durch die Zensur gegangen war. Das ist hier totwürdiges Verbrechen."

Man wechselte das Thema. Welch ein Gegensatz zwischen den vielen unterernährten Menschen und den glänzend ge­pflegten Tieren! Sehen Sie nur diese schönen Pferde, die kräftigen Rinder an und bedenken Sie, daß auch Federvieh und Schafe aufs beste gedeihen. Obst und Gemüse wird gezogen, aber für die Juden ist nichts davon bestimmt. Es kommt alles der SS. zugute. Übrigens würde auch der Ver­pflegungssatz, der für die KZ.- Insassen ausgeworfen ist, das gar nicht gestatten."

In den folgenden Tagen fand Berger den Zustand seiner Frau unverändert, doch hatte er die Genugtuung zu sehen, daß sich ihre Zimmergenossinnen um sie bekümmerten. Die

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