ihr Mann, um ihr den Kaffee in einem Blechnapf zu bringen. Aber auch dieser Liebesdienst konnte ihre Stimmung nicht ändern. Das Getränk teilte mit dem Kaffee, den sie bisher trank, nur die Farbe.
Berger riet ihr, die Ambulanz aufzusuchen. Ferner erinnerte er sich einer Bekannten, die man ein Vierteljahr zuvor nach Theresienstadt geschafft hatte und ging zu ihr, damit sie seiner Frau etwas Gesellschaft leiste. Doch er zögerte, dieser gegenüber sein Anliegen vorzubringen: „ Können drei Monate Haft einen Menschen so verändern?" Blaẞ, mit welker Haut, ein schlotterndes Gewand um den abgezehrten Körper, saß ein Wesen vor ihm, das er zunächst gar nicht wiedererkannte. Ich habe hier in drei Monaten um fünfzig Pfund abgenommen, ich habe mich wohl sehr verändert?", fragte sie mit schwacher Stimme, und es wurde Berger schwer, diese Frage zu verneinen. Er konnte sich nicht entschließen, seiner Frau einen so traurigen Gast zuzuführen. Er begleitete sie statt dessen zur Sprechstunde in die Ambulanz.
" I
Was soll ich mit Ihnen machen, Frau Berger?", sagte der Arzt nach erfolgter Untersuchung. Ein akutes Leiden etwa an Herz oder Lunge liegt nicht vor, eine reichlichere Kost verordnen darf ich nicht. Bleiben Sie viel im Bett, nehmen Sie diese Pillen und kommen Sie in vierzehn Tagen wieder." Damit waren Berger's entlassen. Sie hielten ein Dutzend Vitaminpillen in der Hand.
Die Mittagsstunde nahte. Berger gab man am Küchenschalter die Suppen in den Blechnapf, je 5-6 Kartoffeln in das Säckchen und etwas Senftunke. Er beobachtete, daß viele die Mittagssuppe ablehnten und anderen überließen, die bittend neben dem Schalter darauf warteten. Solchen sogenannten Extraktsuppen fehlten fette oder feste Bestandteile, und es nimmt kein Wunder, daß Frau Flora den Napf fortschob und auch von den Kartoffeln nur einige Stück als gut befand. Dann schlief sie vor Erschöpfung ein.
Es war nur noch die Abendsuppe zu erwarten, die für gewöhnlich durch Zusatz von Graupen oder Kartoffeln sättigender gemacht wurde. Aber es ging dem Manne an diesem Tage doch auf, daß er seine Lebensgefährtin bald verlieren würde; die von ihm stets auf Händen getragene Frau war nicht mehr zu retten.
Er irrte umher ohne Ziel und ohne Gedanken. Da traf er auf der Straße einen Berliner Bekannten, den Gymnasial
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