aber das Leben in solchen Lagen zu meistern, das lernen wir nicht. Viele jüdische Menschen verloren hier die Erinnerung an die einstige gute Kinderstube, den selbstverSo wie ihre ständlichen Takt, den menschlichen Anstand. Kleider verschleißen, Haare und Bart ungepflegt bleiben, so vernachlässigen sie auch ihr Inneres. Sie lassen sich gehen, sie verkommen. Wie eine tückische Krankheit steckt das an. Die Jugend, die Jahr für Jahr ohne jeglichen Unterricht blieb, nimmt das schlechte Beispiel an. Wie Gift träufelt es in die geöffneten Kinderseelen. Leid kann läutern, aber Leid kann auch zu Neid und Haß führen, da wo Hemmungen fehlen. Hunger und Haft machen dumpf und stumpf, schaffen rücksichtslose Egoisten, weil ja auch den Gepeinigten Rücksicht nicht widerfährt. Das Leben wird zum bloßen Vegetieren, und wie bei gefangenen Tieren wird die Stunde der Fütterung der Höhepunkt des Daseins, um den alle Gedanken kreisen. Ehe ihr mit Fingern auf solche Unglücklichen weist, bedenkt, welche teuflischen Ursachen alles verschuldet haben. Auch hier bewahrheitet sich das Schillerwort:„ Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären". Schwer sind körperliche Entbehrungen zu ertragen, schwer drückt den Menschen die seelische Not, aber wie unendlich schwerer wird unser Dasein, wenn beides sich vereint, um unser Unglück zu vollenden.
Gottlob, es gibt auch stille und gute Naturen, die unangefochten durch solche Hölle gehen, die eigenes Leid vergessend andere aufrichten und trösten, ihnen helfen und fest in ihrer Nächstenliebe bleiben:
Die wirken, wohin sie das Schicksal auch stellt Noch im letzten Winkel der wirbelnden Welt. Das sind die ragenden Pfeiler, die tragen Die Brücke der Menschheit zu besseren Tagen, Und wenn sie nicht wären, wir müßten verzagen.
Der Neuling macht diese trostreiche Entdeckung erst später unter der Oberfläche jenes lauten Trieblebens des Alltags, denn das Gute bleibt sanft und leise. So lange es Bübereien im Leben geben wird, unter denen Menschen zugrunde gehen, so lange ist alles daran zu setzen, die Abwehrkräfte des Einzelnen soweit zu stärken, daß er zu überwinden vermag. Vertiefung des religiösen Sinnes, philosophische Gelassenheit, Gleichmut gegenüber den Schwankungen des Lebensschiffleins sind solche Abwehrkräfte.
40
Berger erhob sich frühzeitig von seinem Lager, denn


