Freilich, ich will uns nicht als Heilige aufspielen und als Mär- tyrer. Nein, wir waren keine Heiligen, wirklich nicht! Wir waren oft sehr anders als Heilige, wir waren manchmal sehr verzagte Menschen; uns sind oft genug die Nerven gerissen, und manches böse Mal zerbrach uns alle geistliche Haltung; mehr als einmal be- herrschten Ungeduld mit den Brüdern und nervöse, hysterische Ausbrüche, ja selbst Neid und Hartherzigkeit das Feld, daß wir viel Grund hatten, uns zu schämen. Aber wir haben dann auch immer wieder vor uns selbst und unserem Herzen, diesem„troßigen und verzagten Ding“, die Flucht angetreten in die Gemeinde unter das
Wort, unter das Wort der Vergebung und des Trostes.
Das war ja im Lager der ganz große Vorzug, den wir Pfarrer genossen, daß wir füreinander Gottesdienste halten durften, zu denen sich gegen einen ausdrücklichen Lagerbefehl freilich auch andere Kameraden heimlich hinzufanden. Und inmitten der Hoff- nungslosigkeit, Gefährlichkeit und grauen Öde des Lagerlebens waren unsere Sonntagsgottesdienste und Abendmahlsfeiern, auch wenn da mitten hinein„antreten!“ geschrien wurde, und unsere täglichen Morgenandachten, auch wenn wir sie draußen in Wind und Regen an irgendeiner zugigen Ecke unserer Baracke halten mußten, dennoch die wahrhaftigen Lichtstunden, die wohl wieder ein Stück Weges leuchten konnten und geleuchtet haben. Und selbst auf jenem Hofe des Reviers vor der Leiche eines lieben Bruders in einer Umgebung, deren Schauer und Grauen selbst dem alten Feldsoldaten die Sprache schier verschlug und in der wir paar Brüder, die wir wie die Diebe dort hingeschlichen waren, herum- standen, ein dürftiges, armseliges, verkümmertes Häuflein Menschen — selbst dort konnte ich, wenn auch heimlich, den auferstandenen Christus und die Hoffnung der Auferstehung und des ewigen Lebens verkündigen, und das Licht von Ostern fiel auf all den Graus.— Und ich weiß auch, daß jenen unheimlichen Todeszügen
der morituri, der zum Tode Bestimmten, welche je und dann durch
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