Druckschrift 
Gott im Konzentrationslager / Kurt Walter
Seite
3
Einzelbild herunterladen

Wenn ich nach dreijähriger Gefangenschaft im Konzentrations- lager Dachau der an mich ergangenen Aufforderung Folge leiste, für eine größere Leserzahl darüber etwas zu schreiben, so sei eins vorausgeschickt: nämlich, daß ich sehr starke Hemmungen habe, davon überhaupt zu reden. Einmal deshalb, weil ich nicht einfallen mag in den großen und lauten Chor derer, die nun den Dreck zurückschmeißen, mit dem sie im Lager beschmissen worden sind, die da laut klagen und anklagen und ihre bösen Erlebnisse und Beobachtungen in das schier ungläubige Staunen, in das wollüstige Interesse der Öffentlichkeit zu schieben versuchen und sich selbst und jene ganze böse Sacheinteressant machen wollen. Sodann aber auch deshalb, weil ich meine, daß all das Böse und Schwere jener Gefangenschaft nun einmal ein wenig zurückzutreten habe vor dem, was unsere Soldaten im Kriege geleistet und gelitten haben, vor dem, was in den Ostgebieten Deutschlands sich inzwischen abgespielt hat an unvorstellbarem Hunger und grauenvoller Gewalttat, vor den auf den Landstraßen, den Eisenbahnen und Bahnhöfen herum- geisternden Elendsbildern der Ostflüchtlinge und der aus dem Osten heimkehrenden Kriegsgefangenen, vor dem Wissen, daß im Laufe dieses Winters gewiß viele Hunderttausende, vielleicht Millionen deutscher Menschen im Elend umkommen werden, wenn nicht Gott noch ganz bald ein Wunder tut. Wer all das einige Wochen lang auf der Reise an vielen Tausenden grauer Elendsbilder, die aber nur der Abschatten: dessen sind, was im Hintergrunde sich abspielt, und in Hunderten von Gesprächen förmlich studieren konnte, so wie ich soeben dazu Gelegenheit hatte, dem vergeht sehr gründlich die Lust zu allem anspruchsvollen Gerede über seine Erlebnisse und Leiden im Konzentrationslager. Wer von den Lesern lediglich zu den von

anderen bereits gemachten Enthüllungen und Sensationen hier noch

3