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Gott im Konzentrationslager / Kurt Walter
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weitere erwartet, der lese diese Seiten nicht weiter! Das sei für alle Fälle vorausgeschickt.

Ich bin oftmals gefragt worden, ob das, was in Zeitung und Rundfunk, in Schriften und Vorträgen an Greueln in den Konzen­trationslagern enthüllt worden ist, denn nun eigentlich wirklich wahr sei und nicht vielleicht Aufbauschung und ungeheuerliche Übertrei­bung zu Propagandazwecken. Darauf ist nur zu antworten: Ja, es ist leider ,, wirklich wahr". An der Tatsache kann auch hier nicht vorübergegangen werden. Es hat zwar nicht jeder alles am eigenen Leibe durchkosten müssen; aber das, was inzwischen jedermann zu Augen und zu Ohren gekommen ist, alle die Untaten und Scheuẞ­lichkeiten, zu deren bloßem Ausdenken nur eine böse, verdorbene Phantasie fähig ist, all das ist leider geschehen, und zwar nicht bloß in besonderen, seltenen Fällen, sondern laufend, sowohl systema­tisch wie beiläufig; und manchmal lag gerade in der Beiläufigkeit einer Mißhandlung, in der gedankenlosen Selbstverständlichkeit, mit der sie geschah, die besondere Niedertracht.

Es darf aber hierbei nicht verschwiegen werden, was in allen Berichten, die ich gelesen oder gehört habe, viel zu wenig beachtet war, daß es nämlich keineswegs nur immer 4- Leute waren, die jene Scheußlichkeiten begingen, sondern daß sie weithin von Häftlingen geschahen, die einen Aufsichtsposten erlangt hatten und zur Macht gekommen waren und sich ihren Posten nun durch besondere Grau­samkeit und, gewissenhafte" Durchführung der 4- Methoden zu sichern suchten. Ich weiß von Häftlingen, welche das Leben von vielen Hunderten von Kameraden auf dem Gewissen haben. Ich erinnere mich von fern her eines Sprichwortes, welches dem Sinne nach besagt, daß ein Sklave, wenn er zur Macht gelangt, zu einem böseren Tyrannen wird, als sein Herr es war. Das Leben im Lager mit seinen Praktiken hat die Richtigkeit dieses Wortes vielfach bestätigt.

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