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Hitler-Geißel über Westfalen : eine Bilanz der Nazi-Zeit / Dr. Josef Hundt, Heinz Meyer-Wrekk
Entstehung
Seite
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Frau, der das dunkle Haar wirr in Strähnen vom Haupte auf die Schultern fällt, ist müde auf einem Meilenstein des Weges zusammen­gesunken, nestelt mit vor Kälte zitternden Fingern an Wolldecken herum, aus denen das Gesicht eines Säuglings sichtbar wird, der in der mörderischen Temperatur blau angefroren ist und schreit. In ostpreußischem Akzent spricht die Mutter dem Kinde zu, sucht es zu trösten und fühlt dabei doch, wie die Schwäche im eigenen Kör­per immer höher kriecht und sie auf den Boden zu werfen droht. Ein paar Schritte weiter ein alter Mann. Er kramt in einem Ruck­sack, sucht eine erfrorene Kruste Brot und kaut daran. Not vermag Menschen zu Bestien zu machen, aber sie vermag auch die Seelen zu läutern und zusammenzuschweißen. Der Greis bricht ein Stück des Brotrestes und gibt ihn der jungen Frau. Auf einem hochgetürm­ten Wagen fahren gerade Bauersfrauen, Männer und Kinder vorbei. In einem kleinen Bündel, das jeder krampfhaft im Arm hält, liegt beschlossen, was sie noch ihr Eigen nennen, ein paar Hemden, ein wenig Bettzeug, ein Paar Strümpfe, das Wenige, um vor den Un­bilden der Witterung geschützt zu sein. Und hinter ihnen, noch am Horizonte sichtbar, die Feuersbrunst, die züngelnden Flammen, die aufzehren, was sie selbst in langer Geschlechterfolge mit viel Fleiß und Eifer erbaut und erarbeitet haben, den großen Hof mit dem sauberen Wohngebäude, mit den Stallungen, mit den Weiden, Wie­sen und Feldern ihres fruchtbaren Ackerlandes. Nun ist es für immer verloren, eine Beute dieses Krieges ohne Gnade. Dazwischen tauchen auch Gesichter auf, die nicht dem Leben auf der bäuerlichen Scholle entstammen, sondern der Großstadt angehören, Gesichter von Menschen, die einst als Kaufleute, Beamte, Lehrer wirkten und nun vor dem Ansturm der feindlichen Heere geflohen sind. Der Zug des Elends, der Riesentreck der Heimatlosen will kein Ende nehmen. Keine Chronik vermag die Zahl derer anzugeben, die zusammenbrachen, erschöpft liegen blieben und starben. Hitlers Parole ,, Heim ins Reich", die so oft den Nazityrannen als Losungswort für den Überfall auf irgendein friedliches Nachbarland diente, die so oft von den Agenten und von Verblendeten hinaus­gebrüllt wurde, um irgendeinen neuen Raubzug des Dritten Reiches zu begründen, dieses Motto wird zur grausamen Farce, entlarvt sich als giftige Waffe, die nun im umgekehrten Sinne als ursprünglich gemeint gegen deutsche Menschen gerichtet wird. Millionen ver­lieren durch den Zusammenbruch Deutschlands ihre Heimat, werden vertrieben aus den seit Jahrhunderten angestammten Bezirken, fluten als Bettler in das große Sammelbecken des Reiches zurück. Ost- und Westpreußen , Schlesien und Sudetenland müssen von Deutschen geräumt werden.

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