Rechenschaft
nach einem Jahr
Die Klänge der Beethovenschen Leonoren- Ouvertüre sind verrauscht. Noch zeichnet der Widerhall musischer Offenbarung die Gesichter der Frauen und Männer, die sich im Foyer der einstmals stolzen Stadthalle zu Münster versammelt haben, um die Eröffnung des westfälischen Provinzialrates in festlicher Weihe zu begehen. Das dunkle Grün des Tannenschmuckes vermag die Kargheit des Ortes nicht zu mildern. Die notdürftige Holzverkleidung der gewölbten Decke läßt nicht vergessen, daß diese noch einzige Feierstätte der Provinzialhauptstadt trotz allem wie eine Oase ist inmitten einer jammervoll traurigen Wüste von Schutt und zerschlagenem Gestein. Zerschmettert, anscheinend ohne Herzschlag ist das Zentrum dieser einstmals so liebenswerten und freundlichen Stadt. Gewerblicher Fleiß, bürgerlicher Wohlstand, gastliche Behaglichkeit, Handel und Wandel liegen darnieder mit den Zeugen jahrhundertealter Kultur. So gründlich ist die Zerstörung in dieser Stadt, daß man als Tagungsstätte des Provinzialrates nichts anderes fand als den notdürftig hergerichteten früheren Vorraum der vernichteten Stadthalle von Münster .
Brigadier C. A. H. Chadwick, CBE, der Militärgouverneur der Provinz Westfalen, eröffnet mit seiner Ansprache den Hauptteil der Feierstunde.
,, Heute ist ein neuer Markstein auf dem Wege erreicht worden, der zur Errichtung einer völlig demokratischen Regierung in dieser Provinz Westfalen hinführt", führte er einleitend aus. Und dann: ,, Nachdem dieser zweite Weltkrieg zu Ende war, herrschten zunächst in Deutschland Zustände, die eine strenge Militärkontrolle unbedingt erforderlich machten. Ich brauche Sie nicht an den Zustand des Verkehrsnetzes zu erinnern, als die Eisenbahnen fast vollkommen stockten, die Kanäle zerstört und leer, die Brücken gesprengt und die Straßen voller Trichter und unbrauchbar waren. Sie werden sich ebenfalls entsinnen, daß das normale Leben nicht mehr pulsierte, daß
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