heitere Tonwelt Mozartschen Rokokos, den düsteren Ablauf Shakespearescher Tragödien und in kühngespanntem Bogen die Weltweite der Goetheschen Faustdichtung erlebte, zehn dieser Paläste gingen in Flammen auf. Sie sanken in Schutt und Staub, und kein Geigenton, kein Dichterwort kann dort mehr künden von jenem Reich, über dem sich der Himmel der ewigen Ideale wölbt. Und das gleiche gilt von den Kinos. Von den 254 Lichtspieltheatern, die 1932 im westfälischen Raum bespielt wurden, wurde der weitaus größte Teil gleichfalls zerstört. Die Tatsache, daß heute schon wieder 216 Filmbühnen dem Publikum zur Verfügung stehen, ist als ein Zeichen des Aufbauwillens der Bevölkerung zu werten, denn die bei weitem größte Anzahl ist in Notunterkünften eingerichtet worden. Auch das wissenschaftliche Leben der Provinz wurde hart getroffen. Einmal wurde die Landesuniversität in Mün ster in ihren Hauptgebäuden vollkommen zerstört. Seminare und Institute der verschiedenen Fakultäten, Pflanzstätten des Geistes, sanken dahin. Und darüber hinaus wurden in der Provinzialhauptstadt und in den verschiedenen Bezirken Westfalens 114 Büchereien völlig vernichtet und 85 Bibliotheken beschädigt. Wieviel wertvolle Bände der Weltliteratur, wieviel unersetzliche Schätze wissenschaftlicher Forschung, wieviel emsige Arbeit der Gelehrten, wieviel kostbare Sammlungen und mühevoll zusammengetragene Ergebnisse ganzer Generationen sind in dieser Zahl eingeschlossen. Sie wurden ein Raub gieriger Feuersbrünste. In diesem Zusammenhang seien auch die Gotteshäuser erwähnt, die ja in den meisten Fällen ein wesenhaftes Element der künstlerischen Wirkung eines Stadtbildes ausmachen. 190 Kirchen sind in Westfalen völlig zerstört worden und 346 erlitten schwere Beschädigungen. Es braucht nicht betont zu werden, daß mit diesem Vernichtungswerk Kunstschätze von Rang für immer verloren gegangen sind. Wo einst der Turm eines gotischen Domes sich wie steingewordene Gottessehnsucht in den Himmel reckte, wo kunstvolles Blattwerk in spielerischer Freude an der Arabeske sich um Säulen und Kapitäle wand und das Licht durch buntgemalte Fenster brach, wo einst der massive Bau einer romanischen Kirche das Gesicht der Umgebung bestimmte, wo wuchtige Quadersteine Chor, Seitenschiffe und Pfeiler rundeten und die Basilika immer wieder als Urbild durchschimmerte, wo einst Kirchtürme, in den Stilformen späterer Jahrhunderte errichtet, als Wahrzeichen über das Gewirr der Giebel und Dächer hin in das Land schauten und ihr helldunkler Glockenton die Gläubigen zur Andacht rief, da gähnen heute leere, nackte Fensterhöhlen, verkohlte Mauerreste, und in hellen Nächten umspielt fahles Mondlicht geisterhaft die trostlose Szenerie.
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