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Hitler-Geißel über Westfalen : eine Bilanz der Nazi-Zeit / Dr. Josef Hundt, Heinz Meyer-Wrekk
Entstehung
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Parteihelden, die lamettageschmückten Standarten- und Gruppen- führer, da hocken sie vor ihm, die Funktionäre vom höchsten bis zum kleinsten Amt und dahinter die Verführten und Verblen- deten. Es geht zu wie im Irrenhaus, so wild gebärdet sich diese Versammlung, so schreit, johlt und klatscht dieses Volk Beifall, so ungeheuerlich überspannt sich der Bogen des Normalen. Ein wüster Spuk, ein schauerliches Theater mit allen Knalleffekten bengalischer Beleuchtung.

Goebbels verkündet den totalen Krieg. Im Februar 1943, nach der Tragödie von Stalingrad , und Presse, Rundfunk und Film trommeln nur noch die eine Melodie, das eine Motiv: Totaler Krieg! Es wird zum Schlagwort, zur Parole, es wird der deutschen Masse als neue Kampferspritze eingeimpft: Totaler Krieg!

Das deutsche Volk bekam den totalen Krieg, nach dem seine Na- zisten und Militaristen so wild geschrien hatten. Das deutsche Volk erlebte ihn mit aller Unerbittlichkeit. Vor allem der Westen des Reiches, die Städte der westfälischen und rheinischen Heimat ver- spürten ihn mit einer Grausamkeit, die eine Quittung war für das wüste Begehren der Parteiclique....

Nächtens dröhnen die schweren Verbände viermotoriger' Bomber über den Kanal und die Nordsee, sie fliegen nach Deutschland ein. Ihr Kurs ist irgendeine Großstadt Westfalens, ein Zentrum der Industrie, eine Hochburg der Fabriken, der Schlote und Förder- türme, ein Schnittpunkt des vielmaschigen Eisenbahnnetzes.

Die Sirenen heulen schauervoll durch die nächtliche Stille. Das widerliche Auf und Ab des Heultones birgt nahendes Unheil. Luft- alarm! Menschen, aus frühem Schlaf gerissen, ziehen sich hastig an, greifen mechanisch nach den wenigen Habseligkeiten, die sie griff- Bereit in einem kleinen Koffer für diese Fälle liegen haben. Wieder ertönt die Sirene. Die Gefahr rückt näher. Schon ist die Luft angefüllt vom Gedröhne der fliegenden Festungen, schon braust es über sie hinweg, unheimlich, beängstigend, schon wird das Geräusch immer stärker. In den Treppenhäusern der großen Miets- kasernen nervöses, eiliges, ungestümes Geklapper der Schuhe. Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, nur notdürftig bekleidet, Arbeiter, die soeben von der Schicht nach Hause gekommen sind, alte Leute, die den Totentanz dieser Zeit überhaupt nie begreifen werden. Sie rennen in den Keller, in den nahegelegenen Bunker, sie suchen Schutz vor der Katastrophe, die über sie hereinbrechen könnte. Mürrische, verweinte, geängstigte Gesichter. Das gequälte Antlitz einer gehetzten Kreatur! Noch ist draußen nichts zu sehen. Vereinzelt nur schießt die Flak. Das unheimlich düstere Summen in der Luft nimmt nicht ab. Es muß eine ganze Armada schwerer

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