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Hitler-Geißel über Westfalen : eine Bilanz der Nazi-Zeit / Dr. Josef Hundt, Heinz Meyer-Wrekk
Entstehung
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Ein anderes Bild! Hauptverbandsplatz! Die Kolonnen der Sankras reißen nicht ab. Blutbefleckte Tragen werden hereingebracht, und aus draußen schnell angelegten Notverbänden sickert Blut. An allen Operationstischen wird fieberhaft gearbeitet. Gewimmer und Ge- stöhne der gerade Angekommenen, und eine M-Spritze, die der Sanitäter reicht, betäubt wild brüllende Schmerzen.

Der Chirurg, mit dem sicheren Griff des erfahrenen Operateurs und dem gütigen Blick des Menschenfreundes, schon ergraut in seinem Dienst an der leidenden Menschheit, hält eine Sekunde sinnend in seinem blutigen Handwerk inne. Sein Blick geht prüfend auf den Verwundeten, der gerade vor ihm liegt und in die Bewußt- losigkeit hinüberdämmert. Das Gesicht schaut wieder gelöst aus, nicht mehr verzerrt von peinigender Qual. Das Gesicht eines Jun- gen, unbekümmert, frisch, das Gesicht eines Knaben, dem zarter Flaum das Kinn bedeckt. Der Arzt sinnt nur einen Augenblick. Für lange Überlegungen ist keine Zeit. Er betrachtet die völlig zerfetzte Muskulatur der beiden Oberschenkel, den klaftertief eingedrun- genen Granatsplitter, der ein Bein schon halb abriß. Amputation beider Beine, erklärt er schließlich, und schon werden die Tücher,

Messer und Sägen gereicht, um diesen vitalen Eingriff zu vollführen.

Sani, Sani, sagt eine leise, verlöschende Stimme in der Nähe. Ein flehender Blick von der Trage empor. Der Angerufene beugt sich mit einem gerade vorbeikommenden Arzt zu ihm hinab, nimmt das Tuch weg und erblickt die schweren Wunden. Der Bauch ist aufgerissen, das tödliche Blei steckt auch noch im Lungenflügel. Kamerad, gib mir noch eine Zigarette... Dann ist bei mir doch alles zu Ende....

Der Arzt greift zu seinem Etui, gibt eine Zigarette, zündet sie dem Sterbenden an, der gierig zieht und mit sehnsuchtsvollem Blick noch einmal das Stück Welt vor seinem Auge umspannt.

Aua, aua, stöhnt ein anderer, der langsam aus der Narkose er- wacht. Ein zweiter, der seine Nerven völlig verloren hat, schreit nach dem Arzt, ein dritter umklammert verzweifelt den Opera- tionstisch, bevor er die Äthermaske auf die Nase erhält, und ein vierter wird hinausgetragen, weil er in das ewige Schweigen ein- gegangen ist.

Tausendfaches Elend, Grauen und Entsetzen, tausendfaches Sterben. Das ist Hitlers Krieg.

In der Heimat häufen sich die Todesnachrichten aus dem Felde. Sie flattern zu Hunderten, zu Tausenden und aber Tau- senden in die Wohnungen. Ihre Zahl wird Legion. In jedem deut- schen Hause liegt ein Toter. 300 000 Söhne der westfälischen

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