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Die Flucht : als KZ-Flüchtling durch fremdes Land / Willy Kreuzberg
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neinung nimmt er mit einem verschmitzten Lächeln entgegen.

Nacht ist es. Tiefe schwarze Nacht. Unruhig wälze ich mich im Taubenschlag auf meinem Lager. Irgend etwas tut sich. Auf der Straße, die in etwa hundert Meter Ent- fernung vorbeiführt, entwickelt sich ein Verkehr, der für die Nachtstunden unerklärlich ist. Unsere Haustür öffnet sich, und dann rüttelt einer an meiner Leiter.

He, Willy! Camerad! Unterdrückt klingt Georges Stimme, als möchte er von keinen Unberufenen gehört werden.

Was ist, Georges? Soldat allemand retour. Beaucoup de Soldat. Direction Belgique. So sehr er die Stimme auch dämpft, es ist zu merken, wie der Jubel darüber in ihm ist.Morgen am£ricains ici.

Und ich, bei mir ist es mit der Nachtruhe vorbei. Schnell bin ich angezogen, und die Leiter hinunter. Im dunklen Garten stehe ich dicht an der Straße und beobachte den Rückzug der Deutschen.

Da ziehen sie dahin, die Panzer, die Trainwagen, die Geschütze jeden Kalibers. Da schleichen viele Landser zu Fuß hinterher. Nicht jeder fand Platz auf den Fahrzeu- gen. Müde ist ihr Schritt und schwerfällig ihre Haltung. Stunde um Stunde, die Nacht geht vorüber, ehe die Straße leer wird.

Und in den Morgenstunden beginnt ein anderes Treiben auf den Wegen. Geschäftig eilen Männer und Burschen hin und her. Pakete und Päckchen werden sorgfältig unter den Jacken verborgen.

Was ist nun los? Sind die Deutschen endgültig fort, und die Amerikaner im Anmarsch? Kommen noch Nachzüg- ler, und, wo ist die SS?

Nervös gehe ich in meine Werkstatt und versuche zu ba- steln. Die Gedanken sind durchaus nicht bei der Arbeit. Als ich aufblicke, steht Jenny neben mir.

Willy, dans notre chambre les patriotes vous cherchet. Vous iei!

Erregt zeigt sie in die Ecke, wo Stroh gestapelt ist. Ent- geistert schaue ich sie an. Die Deutschen sind fort, vor der Gestapo habe ich nichts mehr zu fürchten, und da

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