Gottlob, das wäre überstanden, murmelt Bert bei sich. Er schaut auf seine Armbanduhr— es ist dicht vor Eins. Für einen Augenblick noch steht er still und lauscht dem Gelispel der Pappelblätter, mit denen der Nachtwind spielt.... ‚Fürchtet euch nicht vor dem, was zu fürchten wäre‘, sagt Hölderlin , ‚fürchtet euch nur noch vor der Furcht‘!— Vorwärts drum!
Er schleicht über die breite Lagerstraße dem Eck- mast zu, so rasch es ihm die umwickelten Füße gestatten. Und drüben beginnt er ohne Zögern— denn er ist jetzt jedem etwa auftauchenden Blicke so gänzlich ausgesetzt wie nur möglich— über die nach außen vorgeschobenen tieferen Drähte aufzusteigen... dabei findet er, daß man mit- einiger Umsicht ganz leidlich zwischen den geschärften Stacheln hindurchgreifen kann. Die plump vergröberten Füße freilich haben keinen freien Platz, doch können die Stacheln der dicken Umwick- lung und den Filzsohlen nichts anhaben. Nur muß man eben auf jeden Tritt peinlichst Obacht geben, genau wie bei einer heiklen Bergarbeit an steiler Wand.
Das vorgeschobene Hindernis, in das sich seinerzeit der junge Pole in seiner Verzweiflung blindlings hinein- geworfen hatte, wäre nun überwunden.... ‚Guet isch’s gange!‘ muntert er sich selbst im stillen auf Schwäbisch auf und rastet nicht weiter; denn nun kommen die ersten senkrecht übereinandergereihten Drähte an die Reihe. ... Und wieder muß Bert bei allem hohen Ernst seiner ‚Lage insgeheim lächeln, als er bemerkt:
Die Führung der mit Starkstrom geladenen Drähte ist über porzellanene Isolatoren geleitet. Sie lassen jeden Aufmerksamen glatt erkennen, welche Drähte für ihn lebensgefährlich und welche harmlos sind. Nichts ein- facher als die geladenen Stränge sorgsam zu ver- meiden, wenn auch Griffe und Tritte hierdurch ziemlich schwierig werden. Für einen so geübten Kraxler wie ihn bietet dies kein Problem. Wozu ist man in der mütter- lichen Heimat, dem schönen Engadin , groß geworden? Und außerdem; soviel Verstand und so viel scharfe Augen man auch in die Welt mitbringen mag, wirklich


