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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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trägt, lieber Oberst!" lächelte Leo. Warte einen Mo­ment, wir werden das gleich zu deiner Zufriedenheit erledigen!"

Er pfiff durch das Fenster und rief: ,, Dolmetscher, den Ladislaus und den Kasimir zu mir!" Sein Gast konnte sich das Lachen nicht verbeißen: Flink wie zwei Wiesel standen die beiden jungen Polen vor dem Tisch ihres, Feldwebels', splitternackt, wie sie vom Läuse­appell weggeholt worden waren. Leo befahl in freund­lichem Tone dem ersten von beiden:

,, Nimm meinen Freund hier, den Oberst, in Behand­lung, Ladislaus: Haarschnitt, Rasur, Gesichtsmassage- aber primissima, sage ich dir, verstanden?!"

Auf das Servilste verbeugte sich der Coiffeur zu wiederholten Malen, immer wieder stotternd: ,, Sofort, Herr Feldwebel, bitt' schön, Herr Oberst, Platz nehmen zu wollen!" Und alsdann begann er sein Werk mit gewandten Fingern, zart wie ein Mädchen, daß Bert sich von einem wohligen Kribbeln seiner Haut um­fangen ließ und allmählich vergaß, wo er sich befand, derartig flink ohne jede Hast, geschult bis ins kleinste, behandelte ihn der Haarkünstler.

Inzwischen bestellte Leo bei Kasimir, dem zweiten, den er hatte holen lassen, einen kleinen Imbiẞ; denn dieser war ein erstklassiger Traiteur aus Warschau . Viel mehr als andere Häftlinge hatte auch Leo nicht in seinem Spind, aber wie der Fachmann das bißchen anzu­richten verstand und zusammenstellte, war für Lager­verhältnisse eine Lust zu beobachten. ,, Du kannst mit ihm auch französisch parlieren, Oberst!" trumpfte Leo auf, mit einem stolzen Lächeln in seinem guten Antlitz. Es war ihm anzumerken, wie wohl es ihm tat, dem Freund eine gesellige Aufnahme nach dessen Range zu bieten.

,, Halt!" erinnerte er sich. ,, Eins fehlt noch: ruft mir den Direktor des Konservatoriums in X., Professor Y, herein!" Sofort kam ein dritter Pole älteren Jahrgangs mit seinen Kleidern unterm Arm herein, sah den Wink des Feldwebels, war in wenigen Sekunden angezogen und holte eine Geige aus seinem Spind.