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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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geliebte Schwester", dankte er ihr lächelnd. ,, Der Mensch besteht nunmal aus Leib und Seele, und beide verlangen ihr Gutes....

"

Aber nach einigen Stücken von Schumann und Brahms , die sie folgen ließ, nach dem ersten Satz der Appassionata, von der sie wußte, daß er sie am meisten liebte, stand die Schwester resolut auf und klappte den Deckel zu, auf ihre Armbanduhr schauend. ,, Nun lassen wir dich für eine Stunde allein, wie du es ja gern hast, damit du in aller Ruhe zurückfinden kannst zu deinen Lieblingen- und wollen und wollen uns für den Tisch interessieren; denn du kannst dir ja denken, daß es heute mit dem Personal miserabel ausschaut, da alle weiblichen Kräfte in die Fabriken geholt werden.

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Die beiden Frauen verschwanden. Bert ging be­dächtig in seinem Heime umher, versuchend, mit dem geliebten Milieu wieder in Kontakt zu kommen... fraglich, ob es je wieder gelingen werde, nachdem er erfahren hatte, mit wie unglaublich wenig ein Mensch zur Not sein Auskommen finden könne....

Auf seinem Schreibtisch stand die schöne, vergoldete Empire- Uhr mit der Inschrift in steifen Schnörkeln: , Eine dieser Stunden wird auch deine letzte sein'.... Er setzte sich ihr gegenüber und streichelte mit den Blicken die stolze Bücherreihe an der jenseitigen Wand, seine besten, treuesten Freunde. Noch war kein Exem­plar von ihnen der Verbrennungswut der Nazis zum Opfer gefallen, weder die Werke von Jakob Wasser­ mann , Thomas Mann , Lion Feuchtwanger, Arnold und Stefan Zweig , noch Werfel oder Traven und andere er wußte, was er an ihnen hatte, und so sollte es auch bleiben!

Pünktlich stellte sich Kommissar Schuhmacher im Hause ein, von Bert den Frauen vorgestellt. Auch in der Sphäre dieses gepflegten Haushaltes machte er einen vollauf passablen Eindruck, der sich noch ver-­stärkte, als er bat, nach Tisch den schönen Flügel pro­bieren zu dürfen, er habe noch nie einen Steinway