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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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dem deutschen Volke unter den Kulturvölkern wohl am wenigsten gelungen, die Einzelperson über ihre Arbeitssphäre hinauszuheben und durch Vernunft, Geist und Liebe die Person im Menschen immer freier zu machen vergessen wir das nie!"

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Hier warf der Pfarrer kurz ein: ,, Wieder einmal wird eben der Heiland die Völker mit eiserner Rute weiden!" Zum vorigen Thema zurückgreifend, rief einer aus: ,, Tja, nie hätte zu einer früheren Zeit ein zweiter Diogenes mit seiner Laterne vergeblicher in Deutschland einen Menschen gesucht als jetzt. Nur noch Heuchler, Krie­cher, Flüsterer und Streberseelen sind zu finden, außer n den Kz's, wohin allerdings ein Diogenes keinen Zutritt erhielte, solange er sich nicht verdächtig macht!"

,, Bedenkt nur: was fünfzehn Jahre ruhigen, steten Aufbaus der Demokratie nach dem ersten Kriege ge­schaffen haben, das haben die hast vollen sieben Jahre darauf unter dem Hakenkreuz nur verwirrt und ver­wildert, zerbröckelt und schließlich ganz ruiniert, dank der geradezu infantilen Ahnungslosigkeit der Braun­hemdem von Welt und Leben das ist die wahre

Bilanz ihres Tuns!"

,, Manches mutet doch wirklich an, als sei es von der sprunghaften Phantasie eines Schulbuben eingegeben, nicht dem Hirn gereifter Männer entsprungen!"

,, Sehr wahr! Denn alle wahrhaft großen Dinge von Dauer sind nie über Nacht im Sturmschritt gekommen, sondern haben nur Kinderschrittchen gemacht, erst schwankemd und unsicher. Im anderen Falle gibt es nichts als frühzeitig krumme Beine."

Der Pfarrer bemerkte schlicht: ,, Große Schritte, doch nicht auf dem rechten Wege, sagt uns schon Augustinus! "

,, Und außerdem in den Zeitungen und Reden das ewige Widerkäuen der eitlen Mär, wie unsagbar übel es in der liberalistischen Zeit gewesen sei und wie herr­lich weit wir es mit der neuen Moral gebracht haben...." , Reden wir uns doch nicht immer ein, was wir alles in der Welt bedeuten, was wir alles können und sind!

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