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treten die Hand ergriff und mit besorgter Spannung die Frage nach seinem Wohlergehen stellte, sah Claus ihn mit tränenglänzenden Augen an, wie eine überirdische Erscheinung. Er preßte die Stirn ganz dicht an die rostigen Stäbe und flüsterte geheimnisvoll:
,, Siehst du, Bertie, ich hab's damals doch recht gemacht, im Wittelsbacher Palais ! Die Namen und Adressen sind mir eingefallen, o freilich, wie sollten sie auch nicht, wenn man scharf und ruhig nachdenkt... aber ich habe niemanden genannt, niemanden, das kannst du mir glauben, Bertie. Und dafür sehe ich jetzt täglich meinen Vater wieder"-- in seine dünne, blecherne Stimme kam etwas Ekstatisches- ,, und täglich plaudern wir zusammen, oft die halbe Nacht lang, wenn alles schläft... ich bin von Herzen froh darüber, glaube mir!"
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Bert nickte bewegt. Das Herzeleid, das ihm die Gestapo angetan, hatte diese arme Seele in das Niemandsland des tröstenden Wahnsinns entführt. ,, Ich glaube es dir gern, Schorschl, und bin auch sehr froh darüber! So ist es das Beste...." Und als der andere nichts mehr hinzusetzte, ging er langsam wieder seiner Wege. Doch das Niederdrückende der Begegnung blieb noch lange auf ihm lasten.
LEICHT ERKRANKT.
Im übrigen ging auch Berts Aufenthalt im Münchner Wittelsbacher Palais nicht glatt zu Ende, wenn auch in anderer Weise.
Das ungewohnt kräftige und reichhaltige Essen wollte seinen geschwächten Eingeweiden nicht ohne weiteres bekommen. Sie rebellierten am dritten oder vierten Tage seiner Überstellung in auffälliger Weise. Um aber die Vorzüge der Münchener Haft auch auf hygienischem Gebiet zu erkunden, meldete er sich am nächsten Morgen krank. Daraufhin unterblieb seine Vorführung zur Aktenarbeit. Vielmehr holte ihn gegen neun Uhr einer


