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Haar. Er rührte sich die vollen Stunden bis zur Dunkelheit nicht, saẞ mit geschlossenen Augen da, unzugänglich wie eine Schildkröte in ihrer Schale... am nächsten Morgen nach dem Aufstehen hockte er noch genau so stumm und reglos, als wenn die sprudelnde Quelle des Lebens in ihm verschüttet oder eingefroren wäre... er dachte nach und grübelte, bis ihm die Hirnschale zerspringen wollte.- Bert legte, als er geholt wurde, noch einmal seine Hand mitleidig auf die gramverheerte Stirn des Mannes, der über Nacht alt geworden war.
Am Abend, als Bert ziemlich spät am ersten Tage nach der Durchsicht vieler Akten in die Zelle zurückkam, war sie leer. Auf seine Frage, wo Schorschl Claus hingekommen sei, erklärte der Schließer, sein Referent habe ihn zur Beobachtung in die psychiatrische Klinik bringen lassen.... Bert durchfuhr ein frostiger Schauer bei der Auskunft, die er erhielt. Wenn der brave Mensch seinen Verstand verlieren sollte, war es ein Wunder?
Claus kam nicht mehr zurück. Aber nach ungefähr einem Monat begegnete Bert dem Ärmsten im Lager wieder, aus einem bestimmten Fenster blickend, der einzigen Baracke, die in Dachau mit Gitterstäben versehen ist.
Im letzten der fünf Krankenblöcke war ein Raum lediglich zur Aufnahme von Geisteskranken bestimmt und daher vergittert. Es handelte sich nur um harmlos Blöde, die entweder durch ihre Quälerei im Lager leidend geworden oder schon mit einem, Klapps', wie der Volksmund sagt, eingeliefert worden waren. Inwiefern freilich ein Geistesgestörter noch staatsgefährlich sein konnte, mußte man die Gestapo enträtseln lassen.
Jedenfalls wurde Bert eines Tages vom Fenster dieses Raumes aus angerufen. Und als er überrascht aufsah, denn er war sich dort keines Bekannten bewußt, entdeckte er hinter dem Gitter die vergrämten Züge Schorschls, der ihm die Rechte durch die Stäbe entgegenstreckte... es war die entfleischte, faltige Hand eines Greises von dreißig Jahren. Während Bert be
15 Conrady, Amokläufer.


