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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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knechten, Wege voll spitzen Gesteins und Dornen und Falltüren; beschritten aus Machthunger oder unter dem Zwange der Furcht, dem Vorbilde früherer Despoten folgend... doch keiner von so ausgeklügelter Grau­samkeit gegen die eigenen Landsleute, wie dieser Weg der Kz's unter der Leitung der Totenkopfleute, die ein bestialisches System der Menschenschinderei ent­wickelt hatten.

Dem Wiener Kommissar wurde es schwül und schwü­ler. Ihm war anzusehen, daß er kaum noch wußte, wo er sich eigentlich befand. Doch sein Münchner Kollege lauschte dem Ankläger unter ständigem Kopfnicken; bei ihm war er quasi zu Gast, also ließ sich nichts machen! Sein Blick glitt dabei verstohlen die Wände des geräumi­gen Zimmers mit seinen hohen Spitzbogenfenstern ab.... Kein Bild des Gestapoheiligen war zu finden, zu dem er ein Stoẞgebet im stillen hätte schicken können-- mein Gott, du armer Wiener! Dein bißchen zweijährige braune Tünche als Nazi droht bedenklich abzublättern und den alten Adam durchblicken zu lassen, der du im Grunde deiner Seele doch geblieben bist!

Langsam verebbte die seltsame Aussprache, bei der ein Schutzhäftling den Mut hatte, den Kritiker über ein besonders prekäres Thema des Nationalsozialismus zu spielen. Die milde Sonne des Frühlings, die draußen auf den Giebeldächern und Baumkronen lag, lockte zum Verlassen des Zimmers. Die beiden Gestapoleute sahen sich vielsagend an... ,, an paar Schritt' san's nur bis zum Luitpold- Café mit saner Terrass' am Bürger­steig, wissen's, Herr Kollege", flüsterte der Münchner dem Besucher ins Ohr. ,, Da ham's jetzt um Mittag an Komm'n und Gehn-na, schaun wer'ns nachg'rad, dös sag i' Eana!"

Der also Beratene nickte dem Häftling jovial zu und wienerte: ,, Wissen's, zum Anfang'n is' heut eh' z'spät.... Hauptsach' is, daß Eana klar wor'n is, um was sich's dröhn tut alstern geh'n ma's morgen an, dös Ge­

schäft'l!".

Bert erhob sich. Der Münchner rief telephonisch den