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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
Entstehung
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liegende Gedanke an einen Fluchtversuch trat vor der Dankbarkeit, diese Minuten zu genießen, vollkommen zurück.

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Der Wagen flog auf der asphaltierten Straße auf München zu, dessen Wahrzeichen: die beiden rundlichen Türme der Frauenkirche Bierseideln gleich- über dem bläulichen Dunste auftauchten. Die Straße war wenig belebt, trotz des beglückend schönen Wetters- kriegsgelähmt alles. In den Vorortstraßen radelten Briefträgerinnen neben weiblichen Lehrlingen. Frauen bedienten die Straßenbahnen wie den Omnibus; sie lenkten sogar schon schwere Lastwagen, alle in Hosen oder Röckchen von rudimentärer Kürze und erstaun­licher Enge.... Bert sah zu seinem Nachbar hinüber, wie dieser mit gierigen Augen die jungen Mädchen und Frauen betrachtete, ihre schwellenden Formen und die herausgedrückte Brust seine Sinne und sein Blut mochten wohl aufschreien nach jahrelanger Ent­behrung.

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Endlich fuhren sie in der Innenstadt durch die enge Tordurchfahrt in die, Löwengrube ein, wie das Münchner Polizei- Präsidium heißt. Doch nur die beiden , Grünen' wurden ausgebootet. Mit den, Roten' ging es wieder zum Tor hinaus gottlob, dachte sich Bert im stillen und ein kurzes Stück Weges hinüber zum Gebäude der Gestapo , dem ehemaligen Wittelsbacher Palais, einem weitläufigen Bau von absurdem Baustil, einer Art verlogener Gotik, jedoch in einen kleinen. Park von prachtvollen alten Bäumen eingelagert. Die Passanten der Brienner Straße wissen kaum, daß in den bejahrten Bau neues Leben höchst zweideutiger Natur eingezogen ist. In den Park hat die Gestapo ein kleines, nur zweistöckiges Gefängnis eingebaut, mit allen Neuerungen versehen. Für einen Häftling, der wie Claus sieben Jahre Aufbau eines Kz- Lagers hinter sich hatte oder wie Bert einen Winter in Flossenbürg, für sie war der Zellenbau des Wittelsbacher Palais wie ein anständiges Hotel und die Einzelzelle nicht viel weniger als ein Salon.

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