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racke der politischen Abteilung ausgeladen und von nun an ging alles im Laufschritt. Im Laufschritt wurden wir in die Baracke ge- trieben und mußten uns auf dem langen Korridor, mit dem Gesicht zur Wand, aufstellen. Mit erhobenen Armen, die Hände im Nacken gefaltet. Der berüchtigte„„Sachsengruß‘“. So standen wir viele Stun- den. Die Arme wurden lahm und starben langsam ab. Die Beine taten weh, der Hunger knurrte niederträchtig im Magen. Die hier beschäf- tigten SS-Leute und Gestapobeamten liefen und brüllten hin und her. Mancher Tritt von einem unhekannten Stiefel saß uns im Gesäß, man- cher Faustschlag im Genick. Langsam lernten wir die Luft kennen, die wir für viele Jahre atmen sollten. Bis zum Abend dauerten die Aufnahmeformalitäten, die unter körperlichen Mißhandlungen durch- geführt wurden, bis wir endlich ins Lager gebracht wurden. Ins Lager...
Es war stockdunkel. Ein feiner, alles durchdringender Sprühregen rieselte herab. Wir sahen einen armseligen Drahtzaun, Türme, primi- tiv wie die Hochsitze eines Jägers und das nur, soweit das trübe Licht einiger Bogenlampen eine Sicht überhaupt zuließ. Sonst lag eine schwarze, undurchdringliche Finsternis vor uns, die es erst dann ge- stattete, Einzelheiten zu erkennen, wenn das Auge sich an sie ge- wöhnt hatte. Aber die Aufregung des eben Durchgestandenen, die Un- gewißheit des Kommenden, hatte uns so gebannt, daß wir wenig Sinn für unsere Umgebung hatten. Wir liefen. Wir liefen einen langen Weg. Angetrieben von SS-Leuten. Bis an die Knöchel sanken wir in den aufgeweichten Boden ein. Und dennoch reagierten die erregten Sinne auf Einzelheiten besonders scharf. Einzelheiten, Nichtigkeiten, Klei- nigkeiten. Ich vergesse diese ersten Eindrücke niemals. Kein lebendes Wesen war im Umkreis zu sehen. Das trübrote Licht spärlich verteilter Bogenlampen ließ im Bereich seines Lichtkegels da und dort eine Bude erkennen, die zerfallen und verlassen schien. Überall hochragende Bäume. An den Baumstämmen glaubte ich etwas Schwarzes, Hängen- des zu-sehen. Ich konnte es nicht erkennen, denn wir hüpften mehr als wir liefen, von Schlammloch zu Schlammloch. Dann aber hörte ich etwas. Das kam von den Bäumen. Es stöhnte dumpf, oder es wimmerte ganz leise. Plötzlich wußte ich: das waren Menschen! Die hingen dort an den Bäumen. Ganz für sich allein in der trostlosen Einsamkeit dieser Einöde. Ich kenne noch das Gefühl, das mich über- kommen hatte: mir war, als wäre bei unserem Eintritt ins Lager ein großes Tor zugeschlagen, und als wären wir jetzt aus der uns bekann-
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