FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN

als sie die Tür des Todes betrat. Der Professor hält inne und putzt angelegentlich seine Brille.

Wie auf dem Schlachthof- diese grauenhafte Szene, durchfährt es mich, während ich mechanisch nachrechne: fünfundzwanzig Hinrichtungen, alle zwei Minuten eine, also in fünfzig Minuten...

Da spricht Professor K. weiter:Plötzlich höre ich meinen Namen rufen, ich werde aus dem Raum heraus- geführt und muß mich wieder anziehen. Mein Verteidiger hatte die Wiederaufnahme meines Prozesses durchge- setzt. Aber das ist nun auch schon ein halbes Jahr her. Wissen Sie, viel Hoffnung hat man ja auch nicht, hier je wieder herauszukommen, wirft v. G. in seinem harten ostpreußischen Dialekt ein:Man macht die Erfahrung, daß die hier immer reichlicher zumessen, je höher die Instanz wird. Ich wünsche Ihnen ja alles Gute, Professor, für die zweite Instanz, aber ich bin nun schon in der dritten. Wenn der Hitler das wüßte, was hier alles vor sich geht und was er an mir für einen treuen Ge- folgsmann verliert! Ich glaube, da würde sich manches ändern. Sehen Sie, da kann man ja wirklich an allem irr werden; in der ersten Instanz kriege ich vier Wochen Arrest, das Urteil kommt zurück: zu milde; die zweite Instanz genehmigt mir zwei Jahre Gefängnis, das Ober- kommando schickt das Urteil zurück: zu wenig; die dritte Instanz gibt mir drei Jahre Zuchthaus. Da sitze ich jetzt! Wenn der Chef des Oberkommandos das immer noch zu milde findet, dann seh ich mir zu Weihnachten die Radieschen von unten an!

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