FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN
Versuche, sie zu vermindern. Unter Aufsicht einiger Wärter wird das Mobiliar auf den Gang herausgeschafft, alle Ritzen mit Papier verstopft und mit Petroleum be- gossen, wonach eine fürchterliche Räucherei einsetzt und die Wanzen zum mindesten in große Aufregung geraten. Wir können einen Tag hinterher in der Zelle kaum atmen, so stinkt es nach Rauch und Petroleum. Auch die Wanzen scheinen schwer zu leiden, denn sie trauen sich aus ihren Ritzen kaum hervor, und wir schlafen hustend und niesend, aber wenigstens wanzenfrei. Nach zwei Tagen sind wir und die Wanzen von dem Petroleum und dem Rauchgeruch befreit, alles ist beim alten, und die vergebliche Wanzenjagd beginnt von neuem.
„Auch die Wanzen sind Geschöpfe der Natur und müssen eine Aufgabe hier erfüllen, ebenso wie es Henkers- knechte und Teufel in Menschengestalt tun müssen“, sagt H. mir am zweiten Tag, als ich meiner Wut über das Elend unseres Daseins und die Gemeinheit und Niedrig- keit als wesentlichen Charakterzug vieler Menschen allzu hemmungslos die Zügel schießen lasse.
Aber schon die Tatsache dieses Gespräches ist mir ein Beweis, daß das erdrückend Demütigende, welches dem Dasein in Minsk den entscheidenden, täglichen Stempel aufdrückte, der den Menschen fast unfähig machte, frei zu denken, ihn lähmte und aufs äußerste abstieß, hier nicht mehr der entscheidende Faktor ist. Ob es ein Glück oder Unglück ist, der menschliche Geist findet hier die Fähigkeit, sich von den äußeren Einflüssen des Tages frei zu machen, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die
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