ZWISCHEN TOD UND LEBEN
Ich sehe meinen Zellengenossen allmählich mit Bewußt- sein. Er ist ein stiller, feiner Mensch, einer von jenen, die abseits des Lebenskampfes um Genuß und Erfolg stehen und einem versonnenen und überzeugten Idealismus leben, der durch eine gewisse Weltfremdheit etwas sehr Anziehendes hat. Erst am Nachmittag erfahre ich zu meinem Erstaunen, daß er Student der Theologie ist. Er erzählt mir, daß unter den Insassen des Gefängnisses zwei weitere Pfarrer sind. Sie sind alle wegen Zersetzung der Wehrkraft angeklagt. Der eine von ihnen ist bereits zum Tode verurteilt, ist also in der gleichen Lage wie ich selbst. Aber ich bin durch die Spannung der letzten vierund- zwanzig Stunden innerlich so mitgenommen, daß ich den Zustand der Apathie erst nach einigen Tagen allmählich überwinden kann. Als im Laufe auch des folgenden Tages keinerlei Nachricht zu mir dringt, bestätigt sich, daß die Angaben des Gefängniskommandanten in Minsk über den Grund meines Transportes nach Berlin unwahr gewesen sind. Aber ich bin ihm über den Beweis seiner bösartigen Gesinnung, den er mir noch zum Abschied gab, nicht böse. Unter dem freundlichen Zuspruch mei- nes Zellengenossen entsteht allmählich eine leise Hoff- nung in mir. Solange die Bestätigung nicht eingetroffen ist, kann man immer noch hoffen! Ich beratschlage, wie ich mit meinem Anwalt in Verbindung kommen kann. Das Absenden von Telegrammen ist den Gefangenen verboten. Mich dem Kommandanten vorführen zu lassen, liegt keine besondere Veranlassung VOr. Gewiß, die
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