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Fern und ewig leuchtet Frieden : ein Erlebnis aus dem Zeitgeschehen nach Berichten sowie Aufzeichnungen eines zum Tode Verurteilten / dargestellt von Willo Wenger
Entstehung
Seite
122
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FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN

wäre, hätte man mich nicht in eine Doppelzelle gelegt- oder das Ganze ist ein diabolischer Irrtum; vielleicht bin ich nur aus Versehen unter die Lebenden geraten. Ich weiß es nicht.

Ich habe nagenden Hunger und Durst, denn ich habe den ganzen Tag nur zwei Scheiben trockenes Brot gegessen, die ich mir für die Flucht zu den Partisanen gespart hatte. Während ich mich langsam entkleide, rauche ich noch eine Zigarette, die von Pfarrer M. stammt. Etwas wie Sehnsucht nach Minsk überkommt mich nach dem zerschmetternden Rückschlag der letzten vierundzwanzig Stunden, der alle meineHoffnungen vernichtete. Hier habe ich keinen Menschen, keinen Freund, keinen Kameraden. Ich kann nicht mehr! Nein, ich kann nicht! Es zwingt mich auf die Knie. Ich bete. Verworren, unklar, wie ein Mensch betet in letzter Not.

Mein Zellengenosse scheint zu schlafen, während ich vor- sichtig auf meinen Strohsack turne, aber ich kann lange nicht schlafen. Es ist eine schreckliche Nacht. Es sind noch vier Stunden bis 6 Uhr, der Stunde zwischen Tag ınd Tau, wie Walter Flex sie genannt hat, der Stunde, wo der Tod umgeht, vielleicht täglich in diesem Haus. Als ich am andern Morgen erwache, steht mein Zellen- genosse schon halb angezogen vor mir. Langsam ordnen sich meine trägen Gedanken.

ch habe eingehend Zeit, mich durch meinen Zellen- genossen über die Verhältnisse im Gefängnis zu infor- mieren. Es sind vierhundert Untersuchungsgefangene, bis zum Ritterkreuzträger und General, hier.