DER PROZESS

verlesen. wurde und der genau des gleichen Vergehens angeklagt ist wie ich, sieht heute das Tageslicht nicht mehr. Denn das Urteil muß innerhalb von zwei Stunden vollstreckt sein. Da tönen erneut Schritte auf dem Gang. Die Nebentür knirscht in den Angeln, und ich höre, wie die Wache dem Gefangenen die Ketten von Händen und Füßen losschließt und sich entfernt. Und dann ertönt eine ruhige, klare Stimme. Freundlich und gleichmäßig spricht sie dem Gefangenen zu. Eine Stimme wie ein Ofen, an dem man sich im Winter wärmen könnte, muß ich unwillkürlich denken.

Ich kann aber keine Worte verstehen, denn nur, wenn ich das Ohr an die Öffnung presse, kann ich genau hören. Und die Haltung, die mein Kopf dabei einnehmen muß, ist so unbequem, daß mir das weitere Abhören fast einen Krampf im Genick verursacht. Aber ich muß immer weiter hören, so gut ich kann, wenn mich der Hals auch noch so schmerzt. Es ist wohl der Gefängnisgeistliche, der dort spricht. Unter seinen tröstenden, freundlichen Worten hat sich der Gefangene gefaßt. Er hat das Abend- mahl empfangen und schreibt im ruhigen Gespräch mit dem Pfarrer einen Abschiedsbrief an seine Frau und seine Mutter.

Auch auf mich haben die Worte einen stark beruhigen- den Einfluß. Aber es ist mehr der Klang dieser Stimme, welche eine solch gläubige Kraft ausstrahlt. Sie über- trägt sich auch auf mich. Die Zeit rinnt dahin, während ich in das Dunkel der Zelle starre und angestrengt lausche. Dann ertönt wieder das Geräusch zahlreicher

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