Einmal wurde ihnen für zehn Tage das Mittagessen entzogen. Sie mußten sich in der Nähe der Küche aufstellen und zusehen, wie die anderen Gefangenen ihr Essen in der Küche abholten. Ihr ganzer Kummer war, daß am zweitletzten Tag einer ihrer Kameraden erschöpft zusammenbrach, ein einziger nur in all den Tagen, die anderen standen stumm, verbissen und trotzig.
Mehr wie selten kam e$ vor, daß einer der Isolierten sich auf der Arbeitsstelle die Taschen mit Gras vollstopfte, um es am Abend ganz fein zu schneiden und in die dünne Suppe zu schütten, damit sie dicker und mehr wurde.
Wenn die Isolierten durch das Lager marschierten, ertönte der Ruf:„Straße frei!“ Alles mußte von der Lagerstraße ver- schwinden. Der Blockälteste oder-Kapo der Isolierten mußte diesen Warnruf ausstoßen und ich wurde jedes Mal an den Warnruf:„Unrein!— Unrein!‘“ der Aussätzigen in Palästina erinnert, wie es in der Bibel geschrieben steht.
Diesen Isolierten durfte weder Tabak noch Brot zugesteckt werden, auch war es streng verboten mit ihnen zu reden. Manch einer von uns anderen ging über den Bock oder an den Pfahl, weil der SS. kundgeworden war, daß er dem Verbot zuwider gehandelt hatte. Aber die Kameradschaft unter den Politischen hielt jedem Angriff stand und konnte durch keine Maßnahme erschüttert werden.
Auf den Isolierblocks waren auch die Bibelforscher unterge- bracht, zirka 80 Mann, trotzdem sie keine Zweimaligen waren. Ihnen galt der ganze Haß der SS., denn es waren ganze Kerle und gaben uns Politischen nichts nach. Sie standen uner- schütterlich zu ihrer Lehre und glaubten fest an die Wahrheit der Worte der Bibel. Alles Anrennen der SS. gegen ihre Stand- haftigkeit war vergeblich. Weder Hunger noch Strafen, weder Mißhandlung noch Tod machte sie schwach.
Ab und zu geschah es, daß von der SS. Stahlhelme, Tor- nister, Koppeln und Gewehre ausgelegt wurden; die Bibelfor- scher mußten aufmarschieren und wurden in einer Ansprache durch einen SS. -Offizier aufgefordert, die Ausrüstung aufzu- nehmen und damit zu bekunden, daß sie gewillt sind, ihrem Glauben abzuschwören und das Bibelwort?„Du sollst nicht töten!‘ zu mißachten.
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