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Mordhausen : Bericht eines Augenzeugen über Mauthausen, das berüchtigte Konzentrationslager / von Edmund Richard Stantke
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war, sodaß man sich nur oberflächlich betrachtete. ‚Mensch, wo kommst du her? fragte mich M.Von Mauthausen, war meine Antwort. Nun wollte er wissen, wie es bei der Befreiung zugegangen sei.Und nun, wo willst du jetzt hin? fuhr er fort.In Richtung Salzburg und weiter nach dem Schwarzwald . ‚Nach Salzburg ? Mein lieber Junge, da kommst du nicht durch. Nicht weit von hier sind noch schwere Kämpfe mit der SS. Wenn dir dein Leben lieb ist, kehre um. Abhalten kann ich dich ja nicht, aber es wäre doch schade, nachdem du die Jahre im KZ. überstan- den hast, wenn du jetzt womöglich noch eine Kugel einfangen solltest. Da er mich von der Aussichtslosigkeit meines Vorhabens überzeugte, gin- gen wir gemeinsam in Richtung Wels, wobei wir unsere Erlebnisse aus- tauschten. In der Freude des Wiedersehens hatte ich auf die äußere Auf- machung meines alten Kameraden gar nicht geachtet, aber bei näherer Betrachtung stellte ich fest, daß er eine komplette SS-Uniform trug.Sag mal, Herbert, ist das nicht etwas leichtsinnig von dir, mit dieser SS-Klei- dung herumzulaufen? ‚Ich konnte nichts anderes mehr auftreiben, unsere Zivilkleidung war geplündert, und meine Häftlingssachen waren regelrechte Lumpen. Was blieb mir da weiter übrig? Außerdem ist dies doch ein vor- züglicher Stoff, den man heute kaum noch bekommt.Das streite ich nicht ab, beruhigte ich ihn, ‚die SS hatte nur vorzügliche Stoffe aber wer glaubt dir, daß du ein KZ.-Häftling bist? Er lachte, indem er sagte: ‚Und wer glaubt mir, wenn ich Häftlingskleidung anhabe, daß ich einer bin? Du hast wohl gar keine Ahnung, wieviel SS -Männer sich in unsere Häftlings- sachen geworfen haben, um nicht erkannt zyuı werden. Das leuchtete mir ein, und ich mußte ihm recht geben.

Nun bat ich Herbert M., mir vom Lager Ebensee , wo er fast eineinhalb Jahre zugebracht hatte, etwas zu erzählen. ‚Was ist da viel zu sagen, du weißt ja, als Nebenlager von Mauthausen war Ebensee genau so unerträg- lich. Etwas interessanter war es insofern, als wir die neue Waffe, die V 1, bei uns bauten. Sabotage wurde dabei genügend getrieben, ich möchte sagen, daß fast zwei Drittel der abgelieferten V 1 Versager waren. Somit haben wir vielen Engländern das Leben erhalten, aber unsere Kameraden mußten dafür über die Klinge springen. Kurz bevor die Amerikaner kamen, haben wir zwei Massengräber für je dreitausend Häftlinge ausgraben müs- sen, da das Krematorium mit dem Verbrennen nicht mehr mitkam und die Amerikaner die Berge von Leichen nicht sehen sollten. Einzelheiten brauche ich dir ja nicht zu schildern, denn du weißt ja selbsi, wie grausam das Lagerleben war. Jetzt haben wir das ja alles hinter uns und vor uns das Leben! Ich sah es ihm an, daß er nicht gern daran erinnert sein wollte, was er in den zehn Jahren Konzentrationslager erlitten hatte.

Wir beschlossen nun, gemeinsam in die Heimat zu wandern aber was rede ich da von Heimat M. ist von Hannover und hatte, weiß Gott wie lange schon, keine Nachricht mehr von seinen Lieben. Also nahmen wir uns vor, solange zusammen zu bleiben, bis einer von uns glaubte, abbiegen zu müssen.Zehn Jahre habe ich auf diesen Tag gewartet, sagte M.Wie oft habe ich mir in diesen Jahren gewünscht, es möge ein Maitag sein, wenn

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