Das Auftreten von Glossitis, Stomatitis, gastroenterischen Störun- gen und psychischen Erkrankungen nähert das pellagroide Krank- heitsbild unserer Spruegruppe. Ob Achylie Pellagra, psychische und funikulare Störungen zur Pellagra oder zur Perniciosa ge-, hören, entscheidet nur der Erfolg der Therapie.
Bei der echten Pellagra fehlt nach STEPP der Vitamin B-Kom- plex und fehlen wichtige Aminosäuren. Bei den pellagroiden Er-_ krankungen beeinträchtigen Kohlehydrate und besonders Kar- toffeln die Wirksamkeit der Therapie und erfordern erhöhte Do- SIeTUNg. ar
Von besonderem Interesse ist, daß man in Berlin Durchfälle mit täglich 5—20 Stühlen beobachtet hat. Die Erkrankung. hielt Jahre hindurch an(Gommelles monosymptomatische Pellagra unter dem Bilde der Enterocolitis mit und ohne Störung der Fett- resorption). Sie waren therapeutisch nur durch Nikotinsäureamid beeinflußbar.
Man kann nicht einen ärztlichen Bericht von Theresienstadt geben, ohne die gynäkologischenVerhältnisse zu berühren. Die jungen Mäd- chen und Frauen verloren sehr häufig— sogar meist— die Men- siruation. Es scheinen psychische Einflüsse 10) sehr stark daran be- teiligt zu sein, da auch gut genährte tschechische Mädchen und Frauen die Amenorrhoe aufwiesen. Es war eine Anordnung der -Kommandantur in Theresienstadt, daß Schwangerschaften durch künstlichen Abort zu beendigen seien. Ob diese Anordnung 1944 aufgehoben wurde, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls weiß ich, daß 1943 diese Anordnung in Kraft war und auch für Schwanger- schaften im‘7. und 8. Monat galt. Bei Durchführung dieses künst- lichen Aborts im 7. Monat sind mehrmals Frauen zum Exitus ge- kommen. Diese Anordnung ist besonders gemein, wenn man be- denkt, daß 1942 in Berlin eine Jüdin wegen Herbeiführung eines
‚ Aborts von einem deutschen Gericht verurteilt wurde, mit der Be- eründung, daß eine Jüdin sonst ja vor den Ariern„bevorzugt“
‚wäre, Dieses Urteil zeigt deutlich, wie wenig ethisch unterbaut die Grundlage der Abortgesetze anzusehen ist; man wird die Frage aufwerfen müssen, wie‘ weit eine ungeregelte Volksvermehrüng die Ursache von Kriegen ist(man denke an Japan ) und wie weit— eine pazifistische Welt es notwendig finden wird, die heute gelten- den Gesetze zu revidieren.
Nicht unterlassen wollte ich, zu bemerken, daß im Gegensatz dazu der Standpunkt der katholischen Kirche , daf jedes keimende Leben zu schützen sei, in ethischer Beziehung jedenfalls nicht an-
greifbar ist.
RT- 2 ee
E3
'10) cf. NOCHIMOVSKI Med. Kl. 1946, Nr. 16.


