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Memorial / Günther Weisenborn
Entstehung
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in den Zug zu steigen. Es war eine Kleinbahn, die durch die riesigen Wälder dort fuhr, und der entlegene, einsame Bahnhof Rochau bestand aus einem Holzschuppen. Eines Abends, als wir sechzehn Mann todmüde von der Arbeit zum Bahnhof marschierten, wußte ich, es war So- weit. Wir besserten damals die Geleise der Bahnstrecke

aus, reparierten Schienenbrüche, schotterten, stopften und planierten, und abends trugen wir im müden Gleichschritt unsere Hacken, Gabeln und Geräte zum Bahnhof. Ich mar- schierte in der ersten Reihe. Auf dem Bahnsteig standen zwei Leute, ein älterer Arbeiter mit dem Fahrrad. Und eine Frau.

Sie stand klein und zierlich und sehr mädchenhaft in dem grauen, schweigsamen Oktobernachmittag. Es war nichts zu hören als das Klapp-klapp unserer Holzpantinen und dann das ‚Halt des Oberwachtmeisters, ‚Geräte absetzen! Rühren!

Hier stand ich, der vierte Mann der ersten Reihe, die schwere Stopfhacke vor mir aufgestützt, schweigend, ein Zuchthäusler in vielfach geflickten Lumpen, schmutzig, unrasiert, hungrig und müde. Und dort stand sie, acht Meter entfernt, sauber, hübsch, gepflegt, eine junge Frau, deren kleines Gesicht sehr bleich und sehr hell gegen die dunklen Kiefern sich abhob, und ein Leuchten in den dunk- len Augen, das ich nie vergessen kann. Ja, wir sahen uns einige Male sogar an, innig und verzweifelt und gleich wieder die Maske des Fremdseins darüber. Der Oberwacht- meister hatte sein Gewehr auf den Boden gestellt und starrte ins Leere. Die Kumpels murmelten leise miteinan- den, sie stießen einander an und zwinkerten sich zu, wo-

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