Ich fahre mit ihr nach Brüningslinden. Es ist Sommer, trocken und heiß, ich parke den Wagen und schlage eitel den Schlag zu. Dann gehe ich mit der schönen Frau durch das alte Schloß auf die Terrasse. Es sind nur we­nige Gäste da. Die Kellner betonen deutlich, daß man sich an einem äußerst vornehmen Platz befindet. Tief unter uns schimmert der Wannsee im Abendglanz, wäh­rend D. und ich hier oben zu Abend essen. Sie zeigt mir den französischen Botschafter Poiret, der drüben mit sei­ner Familie iẞt. Die Bäume rundum rauschen leise, das Schlößchen hinter uns leuchtet aus allen Fenstern, ein Springbrunnen singt vor sich hin, und auf dem Wannsee unten ziehn die Segelboote heim. Es ist ein schöner und beruhigender Abend.

Als ich ihr Wein einschenke, sieht sie mir einen Moment lang in die Augen, und ihre grünlichen, katzenhaften Pu­pillen zittern leise.

Er war 26 Jahre alt, Oberleutnant der Luftwaffe, zum Tode verurteilt, hatte ein Gnadengesuch um Frontbewäh­rung eingereicht und wartete mit Schmerzen.

Eines Tages hörte ich in der Nebenzelle, wie er den Wachtmeister bei der Fesselung fragte: ,, Sagen Sie, Herr Wachtmeister, findet die Erschießung im Walde statt?" Der Satz stand klar und gemacht leicht dahingeplaudert in der kühltrüben Atmosphäre des Spandauer Gefäng­nisses. Ich habe den Satz nicht vergessen. Er klammerte sich an den Wald. Er wollte nicht in Plötzensee geköpft werden. Er wurde in Plötzensee geköpft.

Weisenborn, Memorial 5

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