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Sache Baumann und andere : Roman / Jan Petersen
Entstehung
Seite
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So kalt ist mir, so kalt. Und der Durst! Trinken, trinken können, nur einen einzigen Schluck... ,, Hungertag heute!" hat die Wär­terin mit dem spitzen Kinn gesagt und die Tür wieder abgeschlos­sen. Sie gingen gleich weiter, und wieder die Stimme der Wärte­rin im Gang: ,, Diese Zelle hier, jeden zweiten Tag Hungertag! Wenn ich Sie dabei erwische, daß Sie der trotzdem..." Damit meinte sie die andere, die mit dem Essenkübel! Ich will heim, zu meinen Eltern, ich will nie wieder von ihnen fortgehen, ich will immer in Glauchau bleiben. In der Heimat, im Muldetal... Kind will ich wieder sein, will nichts wissen von der Welt... Die dicke pausbäckige Elsbeth kniet nieder, wenn wir aus der Schule kom­men, und sucht Kiesel. Hier, sieh den bunten Kiesel, Elsbeth! Nein, nein, ich tausche ihn nicht ein, auch gegen deinen Glasklicker nicht!... Dann gehen wir zum Gondelteich, singen, werfen den Enten Brotkrumen hin; wie sie aufgeregt schnattern, wie sie sich um die Brotkrumen streiten... Und dann zum Bismarckturm! Hoch hinauf geht es, hoch hinauf. Weit ins Land zieht der Fluẞ jetzt, so grün ist alles rings, die Höhenzüge, die Felder; und die Häuser sehen aus, als wären sie aus einer Spielzeugschachtel ge­nommen... Stark ist der Wind da oben, die Kleider fliegen. Dann sind wir bei der Hängebrücke... Wie die Hängebrücke schaukelt und knarrt. ,, Das ist die Lügenbrücke", sagt die Mutter, ,, Kinder, die lügen, fallen hinunter"... Kühl ist der Wind, streicht durchs Haar, über die heiße Stirn. Oh, herrlich... War­um lachen Sie denn so, Herr Inspektor? Lachen Sie nicht, ich habe nie gelogen! Ich sage die Wahrheit, Herr Inspektor! Ich kenne doch keinen Erich. Ich habe nie solche Zettel in meiner Hand­tasche gehabt, Herr Inspektor! Tanzen sind wir gegangen, nur tanzen, glauben Sie mir doch!... Wie die Wärterin jetzt grinst und ihr spitzes Kinn vorschiebt. Einen Goldzahn hat sie vorn

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