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Sache Baumann und andere : Roman / Jan Petersen
Entstehung
Seite
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Das ganze Haus umgab der Schlaf wie eine schwere Wolke. Behutsam drückte Eva die Wohnungstür ins Schloß und tappte in ihr Zimmer.

Sie konnte lange nicht einschlafen, sah zur Zimmerdecke hin­auf. Wenn vor dem Haus eine Straßenbahn vorbeifuhr, huschte ein zittriger, blasser Lichtschein durch das Zimmer. Man hörte die Bahn schon von weitem, das Rollen schwoll an, wurde dann störend laut und entfernte sich wieder.

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Sie hätte mit diesem Baumann nicht ausgehen sollen. Spricht der gleich von Heiraten! Wie konnte sie das auch ahnen?... Aber seine Einladung konnte ich nicht gut abschlagen, schon wegen Möller. Möller meinte doch, daß man zu dem Schupo­wachtmeister nett sein sollte, des Geschäftes wegen... Ein anständiger Mensch war er sicher aber heiraten! Dazu ge­hörte doch Liebe!... Wenn Baumann wieder in den Laden kommt, muß ich zurückhaltend zu ihm sein, er darf sich keine Illusionen machen... Heiraten! Sie war doch noch jung, wollte etwas vom Leben haben, viel kennenlernen... Wie unbeholfen dieser Baumann erst wirkte, wenn man ihn mit andern Männern verglich. Mit dem Rechtsanwalt Reichel oder dem Dr. Kramer. Bei denen spürte man mit jedem Wort, mit jeder Bewegung die gebildeten Menschen. Warum sollte man sich nicht einladen lassen, mit ihnen ausgehen? Man sah die große Welt, ging ins Theater, tanzen, in die großen Cafés... Was aus einem Men­schen wurde, hing doch letzten Endes vom eigenen Willen ab.

Auf der Straße rollte wieder dumpf eine Straßenbahn vorbei, und das Haus erzitterte. Eva hörte sie nicht mehr, sie war ein­geschlafen.

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