Jubel und Begeisterung. Einige früher boshafte Capos werden ver- prügelt. In der Nacht erschießen die Amerikaner den gehässigen Lagerältesten Menzerian und den Häftlingsschinder Polizeicapo Wer- nicke. Beide haben den Tod hundertmal verdient.
Am 30. April flattern Hunderte von Fahnen verschiedener euro- päischer Staaten und zahlreiche amerikanische Fahnen auf allen Blocks, die auch mit Girlanden und Bildern bekannter Generäle ge- schmückt sind. Auf unserm Pfarrerblock weht die päpstliche Fahne. Ein Altar wird außerhalb des Pfarrerblocks gegen die Lagerstraße aufgebaut, wo hl. Messen öffentlich zelebriert werden. In der Nacht errichten Kameraden auf dem Appellplatz ein zehn Meter hohes Kreuz und einen Altar. Die Amerikaner schauen phlegmatisch zu, wie die Häftlinge SS -Baracken plündern und für jeden Block einen Radio- apparat herbeischleppen. Wir hören die Nachrichten und lauschen der Musik. Weh tut es uns, daß manche Nachrichten über Dachau gefunkt werden, die unsere Angehörigen daheim beunruhigen müssen, Mit Sorgen denken wir an die Heimat. Liegt das liebe Lothringerland nicht in Trümmern? Sollten unsere Verwandten noch am Leben sein? Seit August 1944 sind wir ohne Nachrichten.
Um zehn Uhr treten wir auf dem Appellplatz an, wo uns ein ame- rikanischer Offizier begrüßt, um Disziplin bittet und die Versicherung zum Ausdruck bringt, daß wir bald die Heimreise antreten können. Wir erhalten nun ausgezeichnete Kost und bald auch frische Wäsche. Am Nachmittag langt per Flugzeug ein französischer General an, der uns freundlichst beglückwünscht. Wir dürfen einen kurzen Brief an unsere Angehörigen schreiben.
Am 1. Mai ist es bitter kalt. Schneeflocken fallen vom Himmel. Die Russen organisieren eine Maifeier, der wir alle beiwohnen. Tags darauf wird an dem Altar auf dem Appellplatz eine hl. Messe für alle Verstorbenen gesungen. Es herrscht ein solch naßkaltes Wetter, daß viele nur mit dem Aufwand aller Energie bis zum Schluß ausharren können. Um vier Uhr werden wir zum Appellplatz kommandiert. RapportführerBöttcher steht gefesselt im Häftlingskleid mit rasiertem Schädel auf dem Dachvorsprung eines Gebäudes. Auf seiner Brust hängt ein Schild mit der Inschrift:„Ich bin wieder da.” Böttcher ist der erste eingefangene der flüchtigen SS -Leute. Ein Häftling treibt
160


