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wahren. Kampflos würde das Lager den Amerikanern übergeben werden.

Um 9 Uhr lautet der Befehl:Alles in die Blöcke. Nur unsere Häft- lingspolizei spaziert auf der Lagerstraße. Es herrscht Kirchhofsstille. Von den Straßen der Stadt Dachau her dringen Schüsse. München wird stark beschossen. Dort scheint ein furchtbarer Kampf zu toben. Unterdessen entfalten sich jetzt auch weiße Fahnen auf den Beob- achtungstürmen. Wir erwarten gespannt die Ankunft der Amerikaner. Langsam fließen die Minuten dahin. Schweigsam, doch mit ange- spannten Sinnen sitzen wir in den Blöcken. Um zwei Uhr nachmittags lege ich mich aufs Bett und schlafe ein, obwohl das Gewehrgeknatter immer näher dringt. Gegen fünf Uhr weckt mich ein vielstimmiges Geschrei und lautes Rufen:Die Amerikaner sind da. Ich springe wie elektrisiert aus dem Bett, direkt aus dem Fenster hinaus auf die Blockstraße Nr. 28. Ich sehe jenseits des Grabens, der unser Lager von dem SS -Lager trennt, in einer Entfernung von knapp zehn Metern, acht SS -Männer mit erhobenen Armen, hinter ihnen einige Amerikaner mit Revolverpistolen in den Händen. Ein Kamerad dringt über den Graben, obwohl ihm die Befreier zuwinken, zurückzukehren. Unser Mithäftling hat wohl einen SS-Mann an der Gurgel gefaßt. Sehen kann ich es nicht. Plötzlich kracht ein Schuß. Mir stockt der Atem. Eine Maschinenpistole knattert. Acht SS -Leute sinken tot zu Boden. Die Leichen bleiben zwei Tage dort liegen. Auch in der Nähe des Ein- gangstors zur Plantage liegen acht SS -Leichen. Sonst ist meines Wissens innerhalb des Gefangenenlagers kein Nazi getötet worden. Hie und da hören wir noch Gewehrgeknatter. Es sind nur Schreck- schüsse.

Aus allen Blocks stürzen nun Kameraden auf die Lagerstraße und den Appellplatz. Amerikaner rücken heran. Wir rufen ihnen be- geistert zu, umarmen sie und tragen sie auf den Schultern. Ein to- sender Jubel erfüllt das Lager. Wir sind frei. Eine Stunde später singen wir in der Kapelle das Te Deum. Schon gegen sieben Uhr flattern auf vielen Gebäuden und auf einzelnen Blocks französische, polnische, russische, italienische und andere Fahnen, die schon lange geheim hergestellt worden waren. Unsere Befreier verteilten Brot, Konservenfleisch und Zigaretten. Bis gegen zehn Uhr tobt überall

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