kommenden Nächten würden alle Internierten durch Luftbombarde- ment oder Gift umgelegt. Nachts elf Uhr holt man uns aus den Betten. Still bereite ich mich auf den Tod vor. Aber die SS -Leute suchen in den Blöcken nur nach Waffen. Um zwei Uhr morgens liegen wir wieder auf den Strohsäcken.-Niemand kann schlafen.
Der 19. April bringt neue Aufregungen. Die Appelle fallen aus. Einige Kameraden werden zu den Büros gerufen, zum Krematorium geführt und durch Genickschuß ins Jenseits befördert. Klopfenden Herzens zählen wir die Schüsse. Frühmorgens kommuniziert der französische General Delaistraint aus der Hand des Bischofs von Clermont-Ferrand . Der edle 66jährige Delaistraint ist seit September unser lieber Kamerad. Immer wieder hat er uns aufgemuntert. Gegen elf Uhr bringen die Rapportführer Ruppert und Böttcher den General zum Büro und von dort zum Krematorium. Unterwegs schießt ein SS-Mann unserm allseits beliebten General Delaistraint eine Kugel ins Genick. Pfarrer Seelig berichtet uns tags darauf, daß auf der Toten- liste der Satz steht„Karl Delaistraint durch Tod abgegangen.” Der französische Pater Fily liest tags darauf auf dem Block Nr. 8 geheim die hl. Messe für den ermordeten General. Die nervöse Aufregung steigt mit jeder Stunde. Wir werden tagsüber öfters zum Appellplatz kommandiert. Es regnet. Wir schnattern vor Kälte. Hoffnungslos stehen wir stundenlang da. SS -Leute laufen erregt hin und her. Auf dem Büro der Kommandantur beraten die Offiziere, was mit uns geschehen soll. Wir müssen wieder in den Block zurückkehren.
Kanonendonner dringt am 25. April aus weiter Ferne zu unsern Ohren. Amerikanische Flieger kreisen im Tiefflug über uns. Wir winken ihnen zu. Immer noch packen SS -Leute, schnallen Rucksäcke auf, fahren per Rad oder in Autocars ab. Unsere Häftlingslagerpolizei wird verstärkt. Sie tragen weiße Binden am Arm.
Am 26. April um 6 Uhr morgens kommt der Befehl, das Lager müsse sich abmarschbereit halten. Alte und schwächliche Leute können freiwillig zurückbleiben. Wir Franzosen zögern hin und her und be- schließen endlich, das Lager zu verlassen. Der Abschied von der Kapelle kostet eine Träne. Die Tabernakeltür steht offen. Der Heiland wohnt nicht mehr in Brotgestalt in Dachau . Karfreitagsstimmung in unsern Herzen. An der Seite meines Freundes Fabing schreite ich
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