unsere Blicke nach Westen. Am 31. März 1945 bereiten die SS -Leute den Abmarsch überstürzt vor. Die Häftlinge werden in zwei Gruppen eingeteilt. Zuerst müssen die 350 Kranken und Krüppel antreten. Sie sind nackt und haben nur eine dünne Decke um den abgezehrten Leib geschlagen. Das schauerliche Bild all dieser wandelnden Leichen gräbt sich unvergeßlich in unsere Phantasie ein. Der wachhabende Feld- webel äußerte sich vor uns Häftlingen wörtlich:„Das ist eine Kultur- schande!“ Ein Autocar bringt die Bedauernswerten zum Bahnhof. Unterwegs sterben zwei Häftlinge. Bei der Abfahrt des Zuges liegen schon vier Leichen am Bahnhof. Die Zahl der unterwegs Verstorbenen bleibt ein Geheimnis.— Bald stehen auch die 500 anderen Insassen des Lagers zum Abmarsch bereit. Eine 27tägige Fußreise steht bevor. Die Flüchtigen sind fast ohne Nahrung, in dünnen Kleidern und in schlechtem Schuhwerk, dazu den rohesten Mißhandlungen der SS - Leute ausgesetzt. Die Wagen mit dem Gepäck werden von den aus- gemergelten Gefangenen dahingeschleppt. Viele Kameraden fallen er- schöpft auf die Erde. Wir requirieren bei den Bauern Schubkarren, legen unsere Freunde darauf und schieben die Gefährte schweren Herzens langsam dahin, und dies während 27 langer Tage. Unterwegs sterben fünf Leidensgenossen. Wir beerdigen sie oder besser, wir scharren sie längs des Straßenrandes in Löcher. Zu der lähmenden Müdigkeit gesellt sich der Hunger. Bauern werfen uns Runkelrüben hin. Wir fallen darüber her, obgleich die SS -Leute mit ihren Stöcken auf unsere Finger schlagen. Kamerad Görgen aus Montigny ladet eine Leiche auf den Schubkarren. Die SS -Leute halten diese für einen Schwerkranken. So bekommt Görgen für drei Tage noch die karge Tagesration des Verstorbenen. Dann macht der Verwesungsgeruch den Betrug zuschanden.
Nachts liegen wir in Ziegeleien oder in Scheunen. Schon gleich am ersten Tag fliehen in der Dunkelheit zwei SS -Wächter mit 30 Leidens- genossen. Nun verschärft sich die Überwachung, und die Mißhand- lungen werden grausamer. In einem Dorf, das wir passieren, protes- tieren Zivilisten, besonders Frauen, gegen die Torturen, die man uns antut. Den SS -Leuten wirds ganz ungemütlich. Sie wagen kaum, ein Wort zu sagen. Als wir aber allein sind, lassen die SS -Banditen ihre Wut an uns aus. Bei einem Morgenappell fehlen zwei Russen. Diese
152
ep. Vai. a N pen Se


