10. Der Ehrenbunker
Während meines Arrestes lernte ich auch den Ehrenbunker kennen. An die Häftlingszellen, in denen manche Kameraden furcht- bare Mißhandlungen erduldeten, reihten sich nämlich einzelne größere Zimmer, in denen die„Ehrenhäftlinge‘“ wohnten. Das Wort„Ehren- häftling‘‘ ist ja schon in sich ein grober Unsinn. Wie kann man Inter- nierter sein und zugleich geehrt werden? In Dachau stieß man halt auf viele Widersprüche. Hitler sperrte jahrelang Männer in die K.Z. und überhäufte sie zugleich mit„Ehren“.
Es gab drei Arten von Ehrenhäftlingen. Die erste Gruppe wohnte nicht wie wir herdenweise in den engen Stuben eines Blocks, sondern jeder Einzelne dieser Bevorzugten hatte sein eigenes Zimmer im „Ehrenbunker‘‘(Nr. 2 unseres Plans). Diese privilegierten Leidens- brüder durften ihre Privatkleider und langes Haar tragen, hatten am linken Arm eine violette Binde, brauchten nie zu arbeiten, konnten ohne Bewachung außerhalb des Lagers spazieren und erhielten SS -Kost. Die Geistlichen unter ihnen lasen jeden Tag die hl. Messe in ihrer Zelle. Wir durften mit diesen Ehrenhäftlingen nicht verkehren.
Die zweite Gruppe dieser Ehrenhäftlinge wohnte innerhalb unseres Lagers, anfänglich in einer mit Lehnstühlen säuberlich ein- gerichteten Stube, später im besten Zimmer des Reviers. Diese Kame- raden trugen Zebrakleider mit violetter Binde und auch langes Haar, waren von der Arbeit dispensiert, durften aber nur innerhalb des Lagers umhergehen und erhielten SS -Kost.
Die dritte Gruppe nannte man„bevorzugte Häftlinge‘“. Solche Inhaftierten brauchten nicht mit kahlgeschorenem Schädel umher- laufen und durften sich eine beliebige Arbeit aussuchen, blieben aber ohne violette Abzeichen und-ohne Sonderkost.
Die oberste Berliner Gestapobehörde verlieh diese Ehrentitel nach Willkür, meistens Männern, die vor der Verhaftung ein höheres Amt bekleideten, wie Äbten, Domherren, Generälen usw. Im Ehrenbunker saßen acht bis zehn Kameraden, im Lager knapp ein halbes Dutzend, während fast jeder Block einige„bevorzugte Häftlinge“ aufwies.
Die SS -Beköstigung dieser Ehrenhäftlinge gab mir manchmal Gelegenheit zu köstlichen Erlebnissen. Wo es uns ja nur möglich war,
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