Das köstlichste und von allen stets still herbeigesehnte Lager­erlebnis war die Meldung des Blockschreibers: ,, Folgende Leidens­brüder erhalten heute Pakete oder Briefe." Jeder horchte da ge­spannt auf.

Die Kameraden des Postkommandos holten jeden Tag früh­morgens beim Hauptpostamt in der Stadt Dachau unsere Heimat­pakete ab. Anfangs schoben sie die schwere Last auf einem Moor­expreß ins Lager. Später stellte man ihnen einen motorisierten Last­wagen zur Verfügung. Mitten im Lager hatten wir eine Postbaracke, wo die Pakete nach Blöcken sortiert wurden. Bald erscholl der Ruf in alle Blockstuben hinein: ,, Pakete abholen!" Unter Anführung des Schreibers trugen einige Uneingeteilte die vielbegehrten prak­tischen Heimatgrüße in die Stube Nr. 1 jedes Blocks. Etwa eine Stunde später rückten zwei SS- Männer heran. Sie zählten die Pakete ab, ließen sie vor unseren Augen öffnen und nahmen jeden Gegen'­stand in die Hand. Briefe, Geld und Alkohol verfielen der Beschlag­nahme. Oftmals spalteten Messerstiche Brot und Kuchen, da man zu Hause unerlaubte Gegenstände hätte hineinbacken können. Nicht verbotene Waren nahmen wir restlos gegen schriftliche Quittung in Empfang. Bis zum Frühjahr 1943 wagte man der scharfen Kontrolle wegen an Betrügereien kaum zu denken. Wehe, wenn die SS- Leute im Zigarettenpapier manchmal statt Tabak vertrauliche Briefe und in Dosen statt Milch oder Fleisch guten Wein und den vielbegehrten Schnaps entdeckten!

Mit Recht suchten wir in den vollständigen Besitz unseres Eigen­tums zu gelangen, was seit 1943 nicht mehr unmöglich war. Mit einer einzigen Ausnahme gelang es mir jedesmal, alles, auch das Verbotene, besonders den vortrefflichen echten Kognak in Sicherheit zu bringen. Mit Hilfe eines Mitverschworenen landete mein Paket schon vor der Revision im Schlafraum. Der versprochene Schnaps und die guten französischen Zigaretten hatten das Aufsichtspersonal mit totaler Blindheit geschlagen. Auf einem Bett entschnürten wir vorsichtig das Paket und entfernten alles, was ein Naziauge hätte erzürnen können. Altes Papier füllte den so entstandenen hohlen Raum aus. Bald fiel uns ein anderes, praktischeres Betrugsmanöver ein. Sobald ein neues Paket anlangte, ersetzten wir es hurtig durch ein anderes, das tags

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