Zum Abendbrot fabrizierten die Abteilungsköche wieder etwas Appe- titliches. Nach dem Sechs-Uhr-Appell erlebten wir die köstlichsten Augenblicke des Tages. Wir Lothringer gaben uns in irgend einer Ecke des Lagers ein Rendez-vous, wo wir meist zweiStunden verplauderten. Wir sprachen über die neuesten Lagerparolen, lasen gemeinsam die Briefe, die aus der Heimat eingelaufen waren und übten Kritik an den Zeitungsnachrichten. Die Optimisten pröphezeiten immer wieder das unmittelbar bevorstehende Kriegsende und baldige Massenentlas- sungen, während die Pessimisten glaubten, noch jahrelang im Lager bleiben, ja durch den Schornstein des Krematoriums hinausdampfen zu müssen. Die Realisten meinten:Mir holes, wis kummt. Die Preiße krin uns nit. Awer hämm kumme mer sicher. Gode Nat! Schlofe gut! Morge Owend sihn mer uns widder.

Auf dem Block spielten wir noch ein Stündchen Karten und legten uns dann auf den harten Strohsack in die Klappe. So gings tagein, tagsaus, im ewigen Einerlei. Hier und da gabs auch Abwechslungen, angenehme, aber auch abscheuliche.

Unter uns Geistlichen befanden sich gelehrte Professoren und auch namhafte Fachleute vieler wissenschaftlicher Gebiete. Wir er- baten von ihnen Vorträge, ja regelrechte Kurse. So konnten wir unser Wissen erweitern und vertiefen.

Pallotinerpater Kentenich hielt über die geheime Offenbarung des hl. Johannes mindestens 20 interessante Vorlesungen. Obwohl philosophische Fragen mein Interesse weniger anregten, hörte ich gelegentlich mehr zur Bußübung als aus Wissensdrang ein paar Stunden lang zu, wiesich ein Redner abmühte, dasSeiende ansich, das ens, plausibel zu gestalten. Jesuitenpater Conninck gab in fran- zösischer und in deutscher Sprache eine Vortragsserie über moderne Methoden der Kindererziehung. Das soziale und religiöse Großstadt- elend und dessen Bekämpfungsmethoden durch Staat and Kirche schilderte ein Berliner evangelischer Pfarrer. Geistliche aus Polen und der Tschechei erzählten vom politischen und religiösen Leben ihrer Heimatländer. Wir hatten auch nicht wenige Reiseonkel unter uns, selbst einige Missionare. Sie führten uns im Geiste in vieler Herren Länder, ja wir stiegen sogar hier und da mit einem Astronom zum Mond oder sonst einem Gestirn hinauf. Religionsgeschichtliche

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