Student im Priesterseminar hatte ich mir ein genau geregeltes Tagesprogramm aufgestellt und suchte es möglichst treu zu befolgen. So trat das Bewußtsein meines elenden Gefangenendaseins ganz in den Hintergrund. Nach dem Breviergebet folgte ein ernstes Studium der Psalmen nach dem hebräischen Text, für mich ein wahrer Seelengenuẞ. Kommentare standen mir mehr als genug zur Verfügung. Heimlich hatten wir Priester auf dem Block gediegene theologische Werke, die übrigens auch in der Lagerbibliothek nicht fehlten. Wir hatten auch viele Bücher in französischer Sprache, die wir selbst kommen ließen oder durch das Rote Kreuz erhielten. Geschichte war stets mein Lieblingsfach gewesen. Mindestens drei Stunden täglich beschäftigte ich mich mit der Lektüre einer mehrbändigen Weltgeschichte und zahlreicher Lebensbeschreibungen großer Männer. Dicke Hefte wurden mit Notizen angefüllt. So verflogen die Morgenstunden angenehm und rasch.
Um halb zwölf Uhr gings dann zur Krippe. Da sich die Lagerkost wieder verschlechtert hatte, bildeten wir Kochgemeinschaften. Vom Kochen verstand ich soviel wie vom Strumpfstopfen, daher überließ man mir nur die Besorgung von Eßwaren. Von zu Hause liefen bis September 1944 regelmäßig reichlich Pakete ein. Es gab auch in Dachau einen illegalen Markt, auf dem wir mit französischen Zigaretten allerlei Einkäufe machen konnten. Die Verkäufer waren Kameraden, die in Gärten, in Magazinen, in der Küche, in der Schusterei, Schneiderei, in den Kleiderverteilungsstellen oder in Außenkommandos arbeiteten. In den letzteren blühte der Tauschhandel mit Zivilpersonen, die uns gegen Stoffe und Leder Kartoffeln, sogar Fleischkonserven gaben. In den Innenkommandos wurde jetzt noch fleißiger weggeklaut als früher. Die Verkäufer boten ihre Waren an den Fenstern des Blocks Nr. 24 an. Je nach der Saison kaufte man Kartoffeln, Gemüse aller Art, Salat, Tomaten... aber auch Schuhe, Strümpfe, Hosen, Westen, Mützen, Gürtel, Hosenträger, Wolle, Zwirn, Nadeln, Holz, Kohle, Streichhölzer, Kerzen, kurz alles, was das Herz begehrte. Auf diesem Markt habe ich mich oft köstlich amüsiert. Da erhandelte man mit vielen Worten und ernster Miene, wie auf einer Geldbörse, fünf bis sechs Kartoffeln für zwei Zigaretten, zwei Tomaten für eine Zigarette usw. Für ein Pfund Speck und ein Pfund Butter sowie
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