Eine halbe Stunde lang verhörten mich diese Offiziere über Dr. Karls und die eingesperrten Geistlichen. Die Angelegenheit habe weitgehende Bedeutung, erklärten sie, da durch illegal geschmuggelte Briefe Lügennachrichten gegen die Nazis in das Ausland gekommen seien. Hochverräter verdienen den Strang, auch wenn sie im geistlichen Kleide steckten. Man verlange, daß sämtliche Pfarrer des Lagers das schlimme Vergehen ihrer Kollegen scharf miẞbilligten, sonst träfe sie wohlverdiente Kollektivbestrafung. Jedenfalls würden im Falle einer Verweigerung alle bisher den Geistlichen gewährten Privilegien wie Kapelle, leichte Arbeit und Ausnahmestellung bei den Transporten in Zukunft wegfallen. Da ich der rangälteste Geistliche des Lagers wäre, verlange Reichsführer Himmler von mir persönlich eine schrift­liche Erklärung, welche im Namen aller Kollegen die schwerwiegen­den Übertretungen der Lagergesetze seitens Dr. Karls und der anderen eingesperrten Pfarrer mißbillige. Ferner solle ich angeben, ob nach meiner persönlichen Wahrnehmung Geistliche gemordet, mißhandelt oder zu schweren Arbeiten in unsauberen Räumen genötigt worden seien, und schließlich möge ich kurz erwähnen, was im Lager mein Mißfallen errege und was mir gefalle. In der Einleitung solle ich meinen Lebenslauf schildern und abschließend meine Entlassung aus dem Lager erbitten. Dieses von mir unterschriebene Schriftstück würde persönlich dem Reichsführer Himmler in die Hand gegeben werden. Es bestünde für mich die Hoffnung, sofort frei in die Heimat abreisen zu können. Die Verweigerung des Berichtes würde Reichs­führer Himmler telegraphisch mitgeteilt, es würden zweifelsohne sofort alle Privilegien der Pfarrer aufgehoben und die eingesperrten Kollegen mildernde Umstände versagt werden.

Eine solche Zumutung setzte einem wehrlosen Gefangenen das Messer an den Hals. Unschlüssig schaute ich einige Minuten lang die Offiziere wie verstört an. Versuchen nicht diese Nazis, meinen Namen zu Propagandazwecken zu mißbrauchen? Würde es nicht eine Feigheit sein, die mich arg bloßstellen würde?

Mit höflichen Worten lehnte ich das Ansinnen ab. Man möge für den verlangten Bericht keinen Ausländer wählen, der übrigens erst seit kurzem im Lager sei, sondern einen Reichsdeutschen, etwa den Kapellencapo Schelling, der schon über fünf Jahre Dachau kennt.

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