Ein Österreicher namens Karl, ein gläubiger Katholik, schrieb für das Ministerium jeden Morgen einen Bericht über alles, was sich auf dem Dachauer Arbeitsmarkt tags zuvor zugetragen hatte. Obwohl dieser sechs bis acht Seiten starke Rapport anfänglich als geheim und vertraulich galt, habe ich oft das interessante Schriftstück durchgelesen und mir Notizen für meine späteren Broschüren abgeschrieben.
Ein Jahr lang-war ich mit diesen Kollegen in den verschiedenen Dienstzweigen des Arbeitsbüros tätig, wo es mir stets ausgezeichnet gefiel.- Bis zum Sommer 1942 hinein regierte in Dachau als Kommandant ein roher Tyrann. Die Häftlinge starben vor Hunger und Überan- strengung, mehr noch durch Mißhandlungen, massenweise dahin. Der neue Lagerkommandant Weiß milderte die Disziplin, verbot die körper- liche Züchtigung und gestattete den Empfang von Heimatpaketen. Der Fall von Stalingrad zeitigte für uns die ersten greifbaren Vorteile. Persönlich kannte ich Weiß nicht näher, hörte aber von alten Lager- hasen nur dessen Lob und Anerkennung. Auf ihn folgte der kurz- gewachsene, unbeholfen dicke Kommandant Werner. Dieser Phlegma- tiker kümmerte sich kaum um uns, ließ alles laufen, wie es halt ging und trägt die furchtbare Verantwortung am Massensterben infolge des Hungertyphus in den Monaten Januar bis Mai 1945. Scheinbar sorgenvoll sagte dieser Werner einmal gelegentlich eines Besuches im Pfarrerblock:„Warum spazieren die Herren Pfarrer bei dieser naßkalten Witterung im Freien? Sie bekommen ja den Schnupfen.“ Antwort:„Unmöglich in der Stube zu bleiben. Dort ist nur Platz für 70 Leute, und wir sind zu 380 in jeder Stube. Im Nachbarblock sind gar 2000 Mann. Wenn nicht Remedur geschaffen wird, gehen wir alle zugrunde.‘ Ärgerlich stampfte der Kommandant mit dem Fuße auf den Boden und schrie energisch:„Ich werde Remedur schaffen.“ Es geschah aber gar nichts. Und doch war Platz übergenug im Lager. Was nützten uns seine schönen Worte? Nach der Befreiung fanden wir auch Lebensmittel in Fülle, allein über eine Million Büchsen mit Fleischkonserven. Der Lagerkommandant ließ uns hungern und ver- derben. Was lag ihm an uns!
Lagerführer Redwitz soll einer heruntergekommenen Adelsfamilie angehört haben. Jedenfalls trank er wie ein Bürstenbinder. Er machte
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