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zwischen den Internierten aufgeworfen und so eine Häftlingsgruppe gegen die andere ausgespielt werden. Doch die SS -Schufte waren an die falsche Adresse geraten. Bereits am ersten Tage gab ich den kom- munistischen Kollegen unseres Büros die Erklärung ab:Wir Geist- lichen sind hierher gezwungen worden. Allen Kameraden, einerlei welcher weltanschaulichen und politischen Einstellung, muß tunlichst geholfen werden. Obwohl die Roten uns Schwarzen anfänglich nicht recht trauten, entwickelte sich trotzdem ein freundschaftliches Ver- hältnis. Übrigens haben wir Geistlichen nie bedeutenden Einfluß er- rungen. Ich bin allerdings in die meisten Dienstzweige eingeführt worden, brachte es jedoch nie zu der Würde eines Chefs. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß es uns Pfarrern gelang, die Inter- essen der christlich eingestellten Leidensgenossen energisch zu ver- treten. Dies geschah aber nicht auf Kosten der Kommunisten, die es trotz der vorübergehenden SS -Feindschaft glänzend verstanden, fast bis zum Ladenschluß das Heft in Händen zu behalten. Die neue Maßnahme ließ die Waage des Einflusses, parteipolitisch ausgedrückt, sich nur etwas von links nach rechts neigen. Wenn wir Schwarzen auch nicht viel zu sagen hatten, so durften wir doch jetzt wenigstens etwas sagen.

Unser Capo hieß Kuno. Er bekleidete nach dem Umsturz des Jahres 1919 das Amt eines sozialdemokratischen Kammerpräsidenten, später sogar das eines Ministers, in Braunschweig . Er war ein heller Kopf und auch, als welterfahrener Politiker, ein geriebener Diplomat. Die zehnjährige Haft hatte die Nerven dieses Mannes arg zerrüttet. Seine unparlamentarischen Anrempelungen haben uns nicht selten bittere Pillen schlucken lassen. Leider starb Kuno im Frühjahr 1945 an Magenkrebs .

Der Untercapo hieß Julius. Ihm oblag in erster Linie die Orga- nisation der gefürchteten Transporte in andere Lager. Obwohl er etwas schnurrig war, standen die meisten Häftlinge nicht schlecht mit ihm. Sooft wir meinten, Julius könnte zur Linderung des Häftlings- elendes etwas beisteuern, durften wir uns vertrauensvoll an ihn wen- den. Viele unserer französischen Landsleute verdankten Julius auf unsere Empfehlung hin gute Arbeitskommandos, mehr noch, die Rettung vor den Himmelfahrtstransporten. Im Sommer 1944 entdeckte 113

8 Zeugen des Abendlandes