durften. Zweifelsohne waren daher Dr. Karls, der Hüundesepp, Matthes und ich nach den Paragraphen der Lagerordnung reif für den Strang.
In unserem Kommando arbeitete auch ein unbezahlbarer Witzbold, der tiroler Anekdotenerzähler Pfarrer Sigismund Würl, ein Mann mit starker Phantasie und bewundernswertem Plaudertalent. Lebhaft gesti- kulierend, gab er mit feurigem Blick, sprudelnder Beredsamkeit und nie versagendem Humor jeden Tag stundenlang seine derben Schnurren zum Besten. Im Vergleich zu Würl waren Karls und ich die reinsten Stammler. So oft Sigismund erzählte, lachten wir, daß uns die Tränen kamen. Das Dachauer Elend trat dabei etwas in den Hintergrund. Wenn sich die lärmende Heiterkeit gelegt hatte, nahmen viele von uns ein Buch in die Hand oder wir legten uns zum Schlafe nieder. Nur wenig oder nur Scheinarbeit wurde geleistet. Unausgesetzt und ange- strengt verrichtete der doppelte Wachposten seinen verantwortungs- vollen Dienst. Wenn einer rief:„Achtung!“, da sprangen wir aus dem Schlafe auf, die Bücher verschwanden, und emsig schufteten wir während der Anwesenheit der SS -Leute.
Während Sigismund seine Witze losließ, zog ich aus alten Säcken die Hanffäden heraus, nach Dr. Karls„Befehl“ höchstens zehn pro Tag. Ich brachte es immerhin auf hundert, was kaum ein Stündlein pro Schicht in Anspruch nahm. Sodann drehte ich je drei Fäden zu einer Schnur und rollte diese zu einem Knäuel zusammen. Da kein Mensch meine Kunst im Schnurfabrizieren zu bewundern geruhte, wurde am Abend die verfertigte Schnur meistens in den brennenden Ofen geworfen.
Von Auschwitz waren einige Waggons mit Frauen- und Kinder- bekleidungsstücken angelangt. Die ehemaligen Besitzer hatten dort in der Gaskammer ihr Leben lassen müssen. Wir sortierten nun diese Wäsche, banden je zehn Stück zusammen und trugen sie zum Des- infektionsraum. Es wurden zwischen 25- bis 30 000- Kleidungsstücke gezählt. Es handelte sich meist um gute, ja allerbeste Qualität, vielfach mit dem Stempel Pariser Verkaufshäuser. Wie zitterten wir vor be- greiflicher Aufregung, als an Kinderhemdchen Blutflecken festgestellt wurden. An einem Säuglingskleide lasen wir einen hebräischen Bibel- text. Einige Namen der Besitzer konnten wir noch deutlich lesen wie
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