Da Koch und Max viel anderswo zu tun hatten, versah der katholische Geistliche Dr. Karls oft ihre Ämter mit dem seinigen zugleich. In seinem Hauptberufe war er Kommandoschreiber; er konnte aber sein Tagespensum bequem in zehn Minuten erledigen. Nebenbei spielte er den Ober- und Untercapoersatz, war auch Sprücheklopfer, vor allem jedoch Schriftsteller. Dr. Karls hielt fast jeden Morgen eine spöttische Ansprache über die ,, hohe" Wichtigkeit des Desinfektionskommandos. Den steten Refrain bildete in abwechselungsreichen Formen der bekannte Scherzreim: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt. Oder: Wer die Arbeit kennt, sich danach drängt, der ist beschränkt... Diese stille Aufforderung zur Sabotage beherzigten wir mit begreiflicher Freude. Karls herzerfrischenden Schnurren und auch seine ernsten Vorträge werden mir immer in angenehmer Erinnerung bleiben. Den ganzen lieben langen Tag schrieb unser ,, Chef" an seinen Memoiren über Dachau und zwar schon in Reinschrift, während ich es nur klopfenden Herzens wagte, scheu einige Notizen zu sammeln, welche ich dann noch ängstlich versteckte. Mit hohem Interesse las ich einen Teil des Karls'schen Manuskriptes und bestellte von seinem zukünftigen Buche gleich 500 Exemplare für die deutschsprechenden Franzosen.
Leider hatte ein Mithäftling seinen Kameraden Dr. Karls verraten und auch mich in diese unrühmliche Geschichte mit hineingezogen, wie es später geschildert werden wird. Der Verräter hieß bei uns ,, Hundesepp", weil der Kommandant ihm die Pflege der Lagerhunde anvertraut hatte. Da dieser Mann im Zivilberufe Wundarzt war, pflegte er mich mit glänzendem Erfolg. Als Entgelt suchte ich den schwarzseherischen Tiefsinn des Hundesepps durch hypnotische Behandlung etwas zu mildern, was mir auch gelang. Das geschah trotz der Lagerordnung, welche ärztliche Praktiken außerhalb des Spitals strengstens untersagte.
Unter uns hatten wir den ehemaligen Präsidenten der rheinischen Republik Joseph Matthes. Nach seiner Ausweisung bekleidete dieser Berufspolitiker einflußreiche Ämter in den Pariser Ministerien, vorab in der elsaẞ - lothringischen Abteilung. Er erzählte mir manches Interessante, was sich zur Zeit Herriots hinter den Kulissen abgespielt hatte, obwohl in Dachau keine politischen Gespräche geführt werden
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