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2. Der große Lagerappell
Wir Geistlichen wurden eine Stunde vor den anderen Häftlingen, meist um halb vier Uhr, geweckt, wohnten der hl. Messe bei, schluckten den Kaffee hinunter und marschierten in Reihen zu je zehn Mann schweigend zum Appellplatz. Dies geschah auch um ein Uhr und gegen sieben Uhr nachmittags. Hier stellten sich viele Tausende Männer und Jünglinge, nach Blocks geordnet, in endlos langen Reihen auf. Jeder Blockälteste kommandierte:„Stillgestanden! Mützen ab!“ Er gab sodann die Zahl der Angetretenen einem SS-Mann an, der an den Reihen vorbeischritt und nachkontrollierte. Die Zahl der Insassen sämtlicher Blocks wurde sodann einem Lagerführer gemeldet. Wir standen hier schweigsam still, bis der Offizier festgestellt hatte, daß sämtliche Häftlinge des Lagers angetreten waren. Fehlte ein Kamerad, was manchmal vorkam, mußten wir alle solange stehen bleiben, bis der Betreffende aufgefunden wurde. Manchmal hatte sich einer ver- schlafen oder war durchgebrannt. In der Regel warteten wir trotz Hitze, Regen, Sturm und Kälte eine halbe bis eine Stunde lang. An einem Sonntag standen wir einmal vier volle Stunden in den glühenden Sonnenstrahlen ohne Mützen, da das Tragen einer Kopfbedeckung von Anfang Mai bis September untersagt war. Viele Kameraden sind an jenem Sonntag ohnmächtig zusammengebrochen. Ich war Augen- zeuge, wie ein polnischer Pfarrer vor Müdigkeit und Elend tot zu Boden fiel. Geistliche erzählten mir, daß kurz vor meiner Ankunft ein Appell etwas über sieben Stunden gedauert hatte. An die zwanzig Tote mußten weggetragen werden. Bei einer solchen Gelegenheit hatte einmal Lagerführer Redwitz Dienst. Er gehörte zu der Klasse der Hunde, die viel bellen, aber nicht beißen. Wenn manchmal der Dunst des Alkohols dem Redwitz in den Kopf gestiegen war, hielt er uns Pfarrern.auf dem Appellplatz witzig-sein-sollende„Predigten.” An einem kirchlichen Feiertage begann er eine solche Ansprache mit den Worten:„Du bist Paulus der Fels, lehrt Ihr Pfaffen, und auf diesem Felsen ist Eure Kirche aufgebaut.‘ Einige Geistlichen platzten aus. Nun regneten seine bekannten Kraftausdrücke über uns:„Ihr Gipsköpfe, Ihr Säue, Ihr motorisierten Wildschweine‘‘, und dergleichen
“mehr. Dabei lachte er selber dummlaut, wie die Besoffenen es manch-
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