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III. Im Pfarrblodi Nr. 26
1. Ankunft bei den Priesterkollegen
Mitte Januar 1943 führte Nikolaus Muth uns Priester des Zu- gangsblocks zum Pfarrerblock Nr. 26. Nachdem wir uns beim Personal vorgestellt hatten, legte ich meine paar Habseligkeiten in ein Spind, begrüßte einige kranke Kollegen, die nicht zur Arbeit angetreten waren, und eilte sofort in die Kapelle. Da kniete nun der ehemalige bischöfliche Kommissar barfuß und in lumpigen Kleidern, voll schmer- zender Wunden am Leibe und noch größerem Weh im Herzen, zum ersten Male seit sechs harten Wochen wieder vor dem Tabernakel. So vieles hatte ich dem lieben Heiland mit heißen Tränen zu sagen. Die rohe Anrempelung eines Stubenältesten, es sei strengstens un- tersagt, während der Arbeitszeit die Kapelle zu betreten, ließ mich gleichgültig.
Wie wohl tat mir auch eine gemütliche Plauderei mit einem alten Bekannten, der fast drei Jahre hinter dem Stacheldraht von Dachau Furchtbares miterlebt hat. Es war Johann Schmitt, früher Gefängnis- geistlicher in Saarbrücken . Er gehörte zum Kommando der Reichs- criposchreiber, die im Block selbst aus Kriminalakten Statistiken zu- sammenstellten. Johann Schmitt und ich hatten uns seit 1920 häufig getroffen. Und jetzt gab er mir in Dachau allerhand gute Ratschläge, wie man sich als Gefangener Hitlers durchs Leben schlagen müsse. Bevor die Plauderei begann, hatte der gutherzige Johann allerhand kostbare Dinge vor mir auf den Tisch gestellt, wie Schinkenbrote, Kuchen, Obst und Zigaretten. Die freundliche Einladung, energisch zu- zugreifen, war überflüssig. So gute Sachen, in so reichlicher Fülle, exi- stierten ja für mich seit dreieinhalb Monaten nur noch als Phantasie- bilder. Ein protestantischer Pfarrer brachte eine leere Schachtel und legte gleich milde Gaben hinein. Abb& Fabing sorgte dafür, daß am Abend meine Schachtel dick angeschwollen war. Die materielle Not hatte nun ein Ende. Übrigens liefen bald regelmäßig jede Woche Liebespakete aus Lothringen ein. Wie wohl fühlte ich mich inmitten
von 1200 Geistlichen! 91


