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Nach etwa einer guten halben Stunde geruhte der Blockälteste uns wieder hereinzurufen. Wir saßen jedoch kaum fünf Minuten auf dem Hocker, da erscholl ein neues Kommando, selbstverständlich wie immer im gröbsten Brüllton:„Alle Zugänge von gestern Abend schneller als ein geölter Blitz beim Blockschreiber antreten!” In diesem vermaledeiten Dachau lebte man im Zustande dauernder Aufregung, wobei die Nervenkraft des stärksten Mannes zu versagen drohte. Barfuß liefen wir zu dem noch unbekannten Kameraden, der im Block die Feder führte. Der Schreiber gehörte gottlob zu den Vorgesetzten, die nie das grobe Schimpfregister zogen; ja, der noble, gebildete Tscheche fand für uns Neulinge aufmunternde Worte sowie praktische Belehrungen. Jeder von uns mußte seinen Lebenslauf schreiben und alle notwendigen Auskünfte für die Kartothek abgeben.
Als ich gerade eine Zeile geschrieben hatte, brüllte der Block- älteste Muth unerwartet das eine Wort:„Achtung!“ mit einer solchen Lungenkraft, daß mir vor Schrecken die Feder aus der Hand glitt. Die Kameraden sprangen schnell auf, Hocker fielen um, und das Ge- trampel der Füße beim Aufspringen vermehrte noch den Lärm. Alle Anwesenden nahmen Haltung ein; standen wie zu Statuen erstarrt und stierten gleich Hypnotisierten verängstigt auf den SS-Mann, der im Rahmen der Türe stand, majestätisch wie ein Halbgott, und funkelnde Blicke in die Stube hineinschleuderte. Muth trat bis zu drei Schritten an den Allgewaltigen heran und schrie:„Stube eins— 84 Häftlinge und
“etwa 20 Zugänge beim Blockschreiber aus der Stube zwei.‘ Alle In-
sassen standen, mit der Hand an der Hosennaht, wie Taubstumme da. Kirchhofsstille! Der SS -Blockführer riß einige Spinde auf. Sein scharfer Blick musterte die Kasten von oben bis unten und las die Namen, die an den Schränken angebracht waren. Beim dritten Spind zog er eine Schüssel heraus und rief einen Namen. Ein Kamerad sprang zitternd vor.„Du Dreckmolch‘‘ schrie der SS -Mann.„Schau mal mit Deinen Glotzaugen hierher.‘ Auf der Schüssel erhob ein fahler Kaffeeileck drohend Anklage. Der SS-Mann griff nach dem Ohr des Delinquenten, zog dessen Gesicht nach der Schüssel, rieb dessen Nase auf dem Fleck hin und her, gab dem Mann ein paar Ohrfeigen links und rechts, dazu noch einen Tritt in das Gesäß, daß der arme Kerl in die Ecke flog. Eine lange Litanei der gemeinsten Schimpfworte beschloß den Akt.
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